Was würden wir heute Morgen diskutieren, wenn das Semtex explodiert wäre?
Ein brennendes Frachtflugzeug auf einem deutschen Verkehrsflughafen, möglicherweise Tote unter dem Bodenpersonal, ein Flughafen, der tagelang dicht ist. Diskussionen um den Bündnisfall? Reicht Artikel 4, oder braucht es Artikel 5, obwohl der Täter nicht klar benannt werden kann?
Ich glaube nicht, dass wir eine klare Reaktion sähen. Wir sähen einen Sicherheitsrat, der erneut zusammentritt, einen Kanzler, der von einer Zäsur spricht, eine Diskussion darüber, ob man erst die abschließenden Ermittlungsergebnisse abwarten müsse, und einen amerikanischen Präsidenten, der das Ganze für ein europäisches Problem erklärt. Also strukturell dasselbe wie jetzt, nur mit Trauerbeflaggung und noch mehr Lärm.
Die eigentliche Pointe aber ist: Der Unterschied zwischen heute und dem anderen Morgen ist ein Zünder. Politisch macht das keinen. Wir haben denselben Vorsatz, dieselbe Abwehrlücke, nur ohne Bilder, die niemand mehr wegdiskutieren könnte. Dass die Reaktion trotzdem eine andere wäre, sagt viel über den Umgang mit dieser Bedrohung aus:
Bestimmt also nicht der Angriff, wann eine Schwelle überschritten ist, sondern die Zahl der Toten?
Die Frage drängt sich zumindest auf, warum wir politisch offenbar erst dann anders reagieren würden.
Vielleicht fällt das Wort Russland tatsächlich erst dann ohne Verrenkungen, wenn wir Särge sehen.
Am Vorsatz hätte sich dadurch nichts geändert. Nur an den Folgen.
Und das ist ein verdammt unangenehmer Gedanke.
Die Drohne in Leipzig/Halle hat das Flugzeug getroffen. Gescheitert ist offenbar nicht der Angriff, sondern die Detonation.
Woher wir das wissen? Es gibt Videoaufnahmen vom Flughafen Leipzig/Halle.
Auf ihnen ist zu sehen, wie die mit Semtex bestückte Drohne am Dienstagabend gegen 19.30 Uhr direkt auf die parkende ukrainische Antonow zufliegt und auf einer Tragfläche einschlägt. Dort befinden sich in der Regel die Treibstofftanks. Die Drohne prallt ab und fällt zu Boden. Spuren am Flügel bestätigen den Ablauf. Warum der Sprengsatz nicht detonierte, ist bislang unklar.
Damit verändert sich die Bewertung des Vorfalls erheblich.
Carlo Masala hebt aus dem ZEIT-Bericht die entscheidende Stelle heraus: Bislang gehörte zu den Ermittlungshypothesen, dass die bewaffnete Drohne möglicherweise lediglich als Warnung gedacht gewesen sein könnte: bewaffnet, aber nicht mit der Absicht, tatsächlich zu explodieren. Diese Hypothese lässt sich nach den Videoaufnahmen kaum noch halten.
Genau das schreibt nun auch die ZEIT: Nach Auswertung der Aufnahmen habe sich die Drohne dem Flugzeug „mit der offensichtlichen Absicht, es zu beschädigen“ genähert. Der Flughafen sei einem verheerenden Anschlag nur knapp entgangen.
Und auch unsere hübsche Busfahrer-Geschichte von vergangener Woche bekommt ein Update: Der Mann hat die Drohne offenbar nicht zu Fall gebracht. Als er sie entdeckte, lag sie bereits am Boden. Er stellte seinen Fuß darauf und alarmierte das Sicherheitspersonal. Der Sprengsatz wurde zudem nicht direkt an der Drohne gefunden, sondern in einiger Entfernung. Möglicherweise hatte er sich beim Aufprall auf das Flugzeug gelöst.
Das heißt: Die Drohne hat ihr Ziel getroffen. Sie ist nicht explodiert.
Das ist ein erheblicher Unterschied.
Noch ist nicht geklärt, wer dahintersteckt. Die deutschen Ermittlungen haben bislang keinen eindeutigen Russland-Beleg ergeben. Die ZEIT schreibt aber, dass die Annahme eines staatlichen Akteurs inzwischen wahrscheinlicher geworden sei: Die Drohne war eine Spezialanfertigung, für gewöhnliche Radargeräte nicht erkennbar, der verwendete Semtex-Sprengstoff wird normalerweise militärisch genutzt und wäre nach Einschätzung der Ermittler wohl stark genug gewesen, die Maschine zur Explosion zu bringen.
Die US-Geheimdienste sind bei der Frage nach dem Auftraggeber offenbar schon weiter. Das Wall Street Journal berichtet unter Berufung auf US-Beamte, die mit den Geheimdienstberichten vertraut sind, die Sprengstoffdrohne gehöre wahrscheinlich der russischen Regierung. CNN zitiert einen amerikanischen Verteidigungsbeamten in Europa mit der Einschätzung, die Drohne werde einem russischen Geheimdienst zugerechnet
Die russische Botschaft in Berlin weist das zurück und beklagt eine neue Welle antirussischer Hysterie in Deutschland. Von einer Provokation ist die Rede, die den Interessen Kyjiws und des militaristischen Teils des europäischen Establishments diene. Das Dementi folgt damit exakt dem Muster, das man aus jedem vergleichbaren Fall der vergangenen Jahre kennt.
Damit haben wir Videoaufnahmen, die auf einen tatsächlichen Anschlagsversuch hindeuten. Wir haben eine US-Geheimdiensteinschätzung, die nach Moskau weist. Und wir haben einen deutschen Innenminister, der bislang von fremden Mächten spricht.