LIEBE EU, HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH: WIEDER EIN UNTERNEHMEN ERFOLGREICH VOM WACHSTUM ABGEHALTEN.
Na, Herr Merz? Na, Frau von der Leyen? Na, liebe Regulierungs-EU, Verwaltungs-EU, Steuer-EU und Kontroll-EU? Da habt ihr’s doch. Die Böttcher AG, ein gesundes und wachsendes deutsches Unternehmen, sagt sinngemäß: Europa-Expansion? Lassen wir. Nicht weil die Kunden fehlen. Nicht weil das Unternehmen kein Kapital hätte. Nicht weil die Technik nicht funktioniert. Sondern weil sich nach eigener Darstellung Steuern, Sozialabgaben, Energie- und Arbeitskosten, fehlende Planungssicherheit und Bürokratie so weit aufgeschaukelt haben, dass weiteres Wachstum unattraktiv wird. Den letzten Ausschlag gab die neue europäische Verpackungsverordnung. (
bueromarkt-ag.de)
Bis zu 500 Millionen Euro zusätzlicher Jahresumsatz? Weg. Bis zu 300 mögliche neue Arbeitsplätze? Weg. Na wunderbar. Da müssten in Brüssel eigentlich die Sektkorken knallen. Endlich weniger gefährliches Wachstum. Weniger Umsatz. Weniger Beschäftigung. Weniger Menschen, die arbeiten und Steuern zahlen. Mehr Work-Life-Balance. Fast schon ein europäisches Erfolgsmodell.
Jetzt mal ernsthaft: Was genau bringt diese Regulierung eigentlich dem Arbeitnehmer, dem Arbeitgeber, dem Steuerzahler und dem Konsumenten? Wenn eine Regel tatsächlich Umweltprobleme sinnvoll reduziert, wunderbar. Dann soll man ihren Nutzen benennen, ihre Kosten messen und prüfen, ob es nicht einen einfacheren Weg gibt. Aber wenn Unternehmen irgendwann sagen: „Wisst ihr was? Wir lassen die Expansion einfach“, dann sollte bei jedem Politiker eine verdammt helle Warnlampe angehen.
Denn verlorene Investitionen tauchen in keiner Insolvenzstatistik auf. Ein Werk, das nie gebaut wird, kann nicht schließen. Ein Arbeitsplatz, der nie entsteht, kann nicht verloren gehen. Ein Umsatz, der gar nicht erst erwirtschaftet wird, erscheint in keiner Bilanz als Schaden. Und genau deshalb ist diese Art wirtschaftspolitischen Versagens so bequem: Man sieht das Loch nicht. Man sieht nur, dass dort nichts steht.
Böttcher ist dabei nicht irgendein Unternehmen, das kurz vor der Pleite steht und nun die Politik verantwortlich macht. Der Konzern meldete 2025 rund eine Milliarde Euro Umsatz und starkes Wachstum. Gerade deshalb ist die Entscheidung interessant: Hier sagt ein wachsendes Unternehmen nicht „Wir können nicht“, sondern sinngemäß: „Wir wollen unter diesen Bedingungen nicht.“ (
bueromarkt-ag.de)
Und jetzt kommt der schönste Teil: Die Bundesregierung weiß selbst, dass die neue Verpackungsregulierung Probleme verursacht. Sie hat Anfang September bereits Änderungsvorschläge in Brüssel eingebracht, um Unternehmen zu entlasten. (
bundesumweltministerium.de)
Also erst Regulierung bauen. Dann feststellen, dass Unternehmen darunter ächzen. Dann Entlastungspaket bauen. Dann Arbeitsgruppe. Dann Omnibus. Dann Vereinfachung. Und irgendwann wahrscheinlich wieder: „Europa muss wettbewerbsfähiger werden.“ Applaus.
Genau das ist das Problem. Ihr versteht die Komplexität selbst irgendwann nicht mehr vollständig. Also baut ihr Regeln für die Regeln, Ausnahmen von den Regeln, Meldepflichten für die Ausnahmen und anschließend Vereinfachungsgesetze für die Meldepflichten. Und nennt das Governance.
Vielleicht wäre die revolutionärste wirtschaftspolitische Idee Europas deshalb inzwischen: Hört einfach einmal auf. Nicht jede theoretisch lösbare Frage braucht eine Verordnung. Nicht jedes Risiko eine Meldepflicht. Nicht jedes Produkt ein neues Register. Nicht jeder Unternehmer noch jemanden, der nur dafür bezahlt wird, herauszufinden, welche neue Vorschrift diese Woche gilt.
Lasst die Leute arbeiten. Lasst sie investieren. Lasst sie wachsen. Und wenn euch ein gesundes Unternehmen öffentlich sagt, dass es freiwillig auf hunderte Millionen Euro Wachstum verzichtet, weil ihm euer Regelwerk zu viel wird, dann reagiert bitte nicht mit der nächsten Konferenz zum Thema Wettbewerbsfähigkeit.
Lest den verdammten Brief.
Denn Böttcher liefert gerade eine Antwort auf eine Frage, die Europa seit Jahren stellt: „Warum investieren Unternehmen nicht mehr?“ Weil manche von ihnen irgendwann keine Lust mehr haben, für das Privileg zu wachsen auch noch einen Verwaltungsapparat mitzufinanzieren.
Und Herr Merz, Frau von der Leyen: Wenn das euer europäisches Wachstumsmodell ist, dann geht wirklich Kaffee trinken.
Die Unternehmen kommen alleine besser zurecht.
Eigentlich müsste bei jedem Politiker jetzt eine Warnlampe angehen (siehe oben). Aber offenbar herrschen dort teilweise die physikalischen Bedingungen eines schwarzen Lochs: Licht kommt rein, Erkenntnis nicht wieder raus.