Der Links-Rechts-Gegensatz scheint sich verblüffenderweise selbst in eine Gegenwart hinüberretten zu können, in der er für überkommen gehalten wird. Die Attitüden, die Kanzler Merz und Minister Amthor an den Tag legen, sind tatsächlich rechts – im schlechtesten Sinne: Sie stehen in der Tradition des Deutschen Reichs. Merz spricht wie ein autoritärer Vater des 19. Jahrhunderts, dem der karriereaffine Schleimbeutel Amthor den Teppich ausrollt und unterwürfig Beifall klatscht. Demgegenüber steht der Sozialist Lars Klingbeil, der jede politische Frage als eine des guten Staates gegen böse kapitalistische Interessen lösen will und sich an seine Antifa-Jugend erinnert, wenn er die Opposition verbieten will, sowie eine Linkspartei, die nicht mehr weit davon entfernt ist, den Kampf gegen Israel in arabo-sozialistischer Einheit zu führen. Rechts und Links kommen hier also in unappetlicher Tradition zu sich selbst.
Der Underdog in diesem Kräfteverhältnis ist die AfD, die noch nicht an der Macht gewesen ist und deshalb auch nicht am eigenen Anspruch scheitern konnte. Es ist allerdings nur allzu verständlich, dass die Menschen ihr eine Chance geben wollen. Ob sie eine gefestigte Linie entwickeln würde, weiß niemand. Ihre bisherige Ferne zur Macht scheint mir hier allerdings eher ein Vorteil als ein Nachteil zu sein. Die sprachlos machenden Fehler der Herrschenden liegen ja gerade darin, dass sie so etwas wie ein Standesrecht auf das Regieren beanspruchen: eine Routine, die ihnen zusteht und die sie sich nicht erst verdienen müssen. Die AfD steht morgens auf und weiß, dass sie sich beweisen muss. SPD und CDU räkeln sich in den Betten der Macht, verschlafen alles und werden unwirsch, wenn die Konsequenzen ihrer eigenen müden Machtverwaltung ihren Tribut fordern. Wer so regiert, darf sich nicht wundern, wenn die Menschen irgendwann lieber das Risiko des Unbekannten wählen als die Gewissheit des immergleichen Versagens.