Ein Bibliotheksförderverein aus Wittstock im Nordwesten Brandenburgs. Menschen, die ihre Freizeit dafür hergeben, dass in einer Kleinstadt eine Bibliothek lebt, dass gelesen wird, dass Gemeinschaft entsteht. Ausgerechnet so ein Verein muss jetzt laut aussprechen, was eine vom Bund gegründete und mit Steuergeld betriebene Stiftung offenbar nicht begreifen will. Roland Arndt, Vorsitzender der Lesewelt Wittstock, sagt die Teilnahme an der Verleihung des Deutschen Engagementpreises am 26. November in Berlin ab. Sein Grund hat einen Namen: Suraj Mailitafi.
Zur Erinnerung, weil man in diesem Land offenbar ein Gedächtnis wie ein Sieb haben soll: Anfang Juli wurden am Rande der Proteste gegen den AfD-Bundesparteitag in Erfurt drei Reporter von Apollo News gejagt und angegriffen. Mailitafi war damals offizieller Sprecher des Bündnisses Widersetzen, das den Parteitag mit Blockaden verhindern wollte. Was fiel ihm zur Gewalt gegen Journalisten ein? Er nannte die Angegriffenen „rechte Provokateure“ und erklärte dem Stern, eine Distanzierung könne er nicht liefern, denn wer sich habe provozieren lassen, gehöre schließlich ebenfalls zur antifaschistischen Bewegung. Man muss das zweimal lesen. Die Schläger sind keine Täter, sie wurden provoziert. Und sie gehören dazu.
Dieser Mann wurde für den Deutschen Engagementpreis nominiert, über den Umweg eines Preises der Allianz Foundation, die ihn schon 2025 ausgezeichnet hatte. Ausrichter ist die Deutsche Stiftung für Engagement und Ehrenamt, eine Stiftung des öffentlichen Rechts. Deren eigene Teilnahmebedingungen verlangen Engagement auf Basis der freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Nach Anfragen von Apollo News leitete die Stiftung eine Prüfung ein. Und dann geschah, was in diesem Land immer geschieht, wenn es für einen Aktivisten eng wird: Am 21. Oktober trat Mailitafi als Widersetzen-Sprecher zurück, veröffentlichte auf Instagram eine Distanzierung, sprach von einem Fehler und verurteilte plötzlich die Angriffe auf Pressevertreter. Mehr als drei Monate nach Erfurt. Mitten im laufenden Publikumsvoting. Gut eine Woche vor dessen Ende. Die Stiftung erklärte ihre Prüfung daraufhin für erledigt, mit der Distanzierung sei die Grundlage entfallen.
Das ist die neue Bußordnung dieser Republik. Gewalt gegen Journalisten kleinreden, monatelang nichts zurücknehmen, und wenn 10.000 Euro Preisgeld auf dem Spiel stehen, ein Instagram-Posting absetzen. Absolution erteilt, Akte geschlossen. Wer glaubt ernsthaft, diese Läuterung wäre ohne die drohende Disqualifikation gekommen? Die Reihenfolge spricht ein vernichtendes Urteil: erst die Prüfung, dann die Reue. Nicht umgekehrt. Das Preisgeld will er übrigens im Fall eines Sieges spenden, unter anderem an palästinensische Organisationen. Auch das hat die Stiftung offenbar nicht gestört.
Mailitafi lag bei der Onlineabstimmung zuletzt mit weitem Abstand vorn, inzwischen sind die Zwischenstände nicht mehr öffentlich einsehbar. Ein Publikumspreis, den gewinnt, wer die größte Gefolgschaft in den sozialen Netzwerken mobilisiert, ist kein Preis für Ehrenamt. Er ist ein Reichweitenwettbewerb mit Bundesadler. Und die Rentner, die im Dorf die Grünanlagen pflegen, die Feuerwehrleute, die Vorleser, die Jugendtrainer, sie alle sollen in Berlin brav applaudieren, wenn womöglich ein Mann geehrt wird, der vor wenigen Monaten noch Verständnis für Schläger zeigte. Arndt nennt das einen „Schlag ins Gesicht für jeden Ehrenamtler“. Er hat recht, und eigentlich ist es noch schlimmer: Es ist Verhöhnung.
Und die Politik? Im Stiftungsrat, der laut Gesetz über alle grundsätzlichen Fragen der Stiftung beschließt, sitzt auch Bundesinnenminister Alexander Dobrindt. Die Bundesregierung hat erst Anfang Oktober in einer Antwort auf eine Anfrage der AfD festgehalten, dass sich Teile der gesichert linksextremistischen Interventionistischen Linken bei Widersetzen engagieren. Auf die Frage, was Dobrindt von dem Vorgang halte, ließ seine Pressestelle ausrichten, das Ministerium sei weder Ausrichter des Preises noch an der Prüfung beteiligt. Das ist die Union im Jahr 2026. In Bundestagsdrucksachen vor Linksextremisten warnen und wegschauen, wenn eine Stiftung, in deren Aufsichtsgremium man selbst sitzt, deren Umfeld eine Bühne baut. Zuständigkeit endet bei CDU und CSU zuverlässig genau dort, wo Haltung beginnen müsste.
Ein kleiner Verein aus Brandenburg zeigt mehr Rückgrat als eine ganze Bundesstiftung samt Ministerriege. Das sagt alles über den Zustand dieses Staates. Wer Ehrenamt ehren will, ehrt die, die anpacken, ohne Kameras, ohne Follower, ohne Blockade. Wer dagegen einen Aktivisten auf die Bühne hebt, der die Gewalt gegen Reporter erst unter Druck verurteilt, hat den Begriff Engagement gekapert. Die Stiftung hat bis zum 26. November Zeit, diesen Fehler zu korrigieren. Dass sie es tut, darf bezweifelt werden.
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