Meine
#Stolpersteine.
Es war sein erster Besuch
in Hamburg seit 1938.
Siebzig Jahre,
seit er aus Hamburg floh.
Mein Großvater weinte.
Er hielt die Steine in der Hand,
und sein Herz stolperte.
Tränen liefen über sein Gesicht.
Das letzte Mal sah er sie 1938.
Und nun sah er ihre Namen,
eingraviert in den Stein.
Sie, seine Großeltern,
wurden ermordet.
Nach Drancy gebracht,
und von dort nach Auschwitz.
Nur weil sie Juden waren.
Sie lebten hier in Hamburg.
Zahlten Steuern wie jeder Bürger.
Sie haben keinen Grabstein,
nicht einmal ein Grab.
Hatten sie nie.
Ihr Name war nirgendwo eingemeißelt.
Und nun, plötzlich,
steht er im Stein geschrieben,
wieder hier in Hamburg.
Eine Träne fällt,
und das Herz stolpert.
Ein Jahrzehnt nach ihrem Tod,
weit entfernt, in New York,
wurde mein Vater geboren.
Er hieß Levi -
benannt nach seinem Großvater.
Und als mein Vater ging,
nannten wir unseren Sohn nach ihm:
Levi.
Mehrmals im Jahr
kommt Levi zur Innocentiastraße 64.
Er beugt sich zum Boden,
beugt sich tief, er stolpert,
und zeigt auf den Namen Levi -
seinen eigenen Namen.
Er zeigt auf Levi
und weint.
Jedes Mal, wenn ich am Innocentiapark vorbeifährt,
blicke ich nach rechts, zum Haus,
dorthin, wo die Steine verankert sind.
Sie machen die Erinnerung lebendig.
Ich erinnere mich jeden Tag an sie,
an Urgroßvater Levi und Urgroßmutter Rochma.
Und nicht nur an sie,
sondern an all jene Menschen,
an all jene Stolpersteine,
die hier vor fast jedem Eingang liegen.
Die Worte des Propheten Jesaja:
„Denen will ich in meinem Hause und in meinen Mauern
ein Denkmal und einen Namen geben“ –
sie sprechen vom Boden zu mir,
aus den Steinen heraus.
Als hätte der Prophet Gunter Demnig gerufen
und ihm gesagt:
„Einen ewigen Namen will ich ihnen geben.“
Setze ihnen ein Denkmal für immer.
Mein lieber Freund Gunter,
auf dich treffen die Worte des Propheten Jesaja zu:
„Wohl dem Menschen, der dies tut.“
Das Gedenken an Hunderte von Tausenden Ermordeten
lebendig zu halten -
das ist dein Werk, dein Verdienst.
Lass deinen Mut nicht stolpern.
Sei stark und fest.
Du wirst weiterhin die Namen der Ermordeten
nach Deutschland zurückholen.
Und wir werden ihren Geist zurückbringen.
Unsere Hoffnung ist stark wie ein Stein.
Sie wird nicht stolpern.
Niemals.