🔴Der Kanzler und Frankreichs Präsident wollen die EU mit einer mächtigen Wirtschaftswaffe ausstatten. In einem Brief skizzieren sie ihren Plan. Die Logik dahinter stammt aus dem Kalten Krieg.
Bundeskanzler Friedrich Merz und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron wollen die Macht der EU-Kommission stärken. Wichtiger Teil ihrer Vorschläge ist ein neues Instrument für Handelskriege.
Dieses solle die Fähigkeit bieten, "Fällen entgegenzuwirken, in denen Drittländer absichtlich versuchen, die Wiederherstellung gleicher Wettbewerbsbedingungen und fairer Marktbedingungen durch politische oder systematische Verzerrungen unseres Binnenmarktes zu untergraben", heisst es in einem Schreiben an Kommissionschefin Ursula von der Leyen, das dem Handelsblatt vorliegt.
Wenn die EU ökonomisch angegriffen wird, etwa mit Zöllen oder Sanktionen, soll sie künftig mit gleicher Härte zurückschlagen können.
Die Gegenmassnahmen könnten nach Informationen des Handelsblatts bis zum Ausschluss einzelner Unternehmen oder sogar eines ganzen Landes vom EU-Binnenmarkt reichen.
Berlin und Paris gehe es darum, "Waffengleichheit" zu schaffen, heisst es in Regierungskreisen. Das neue EU-Instrument soll schnell einsetzbar sein und einen vergleichbaren Schaden verursachen können wie der ursprüngliche wirtschaftliche Angriff. Von einer "Zweitschlagskapazität" ist in Regierungskreisen die Rede. Das bisherige Arsenal der EU reiche dafür nicht aus.
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🔴Handelsdefizit und Erpressungstaktik als Gründe
Die Bundesregierung betont, dass das Vorhaben länderagnostisch ist, sich also nicht gegen eine bestimmte Macht richtet.
Faktisch geht es aber vor allem um China und die USA. Deutschland und Frankreich sehen sich zum Handeln gezwungen. Zum einen habe die EU ein Handelsdefizit mit China von einer Milliarde Euro pro Tag, die europäische Industrie steht daher stark unter Druck. Zum anderen habe die Erpressungstaktik von US-Präsident Donald Trump gezeigt, wie verwundbar Europa sei.
Ein deutsch-französisches Papier, das den Brief an von der Leyen begleitet, beklagt "untragbare Handelsdefizite mit wichtigen Handelspartnern, sinkende Marktanteile der EU-Industrie" sowie "weitreichende Arbeitsplatzverluste und den Abbau von Industriestandorten". Dies "gefährde nicht nur die europäische Wirtschaft, insbesondere ihre Stellung als wichtiger Industrieproduzent und ihre Innovationsfähigkeit, sondern auch die Position der EU als souveräner und wichtiger internationaler Akteur".
Die EU könne darauf nicht nur mit wirtschaftsfreundlichen Reformen reagieren, die den Standort Europa attraktiver machen. Sie müsse sich auch verteidigen können, wenn Handelspartner unfaire Mittel einsetzen. Diese Überzeugung steht hinter dem deutsch-französischen Vorstoss.
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🔴Gleichgewicht des Schreckens
Die EU bereitet derzeit Schutzzölle gegen chinesische Hybridautos vor. In Berlin, Brüssel und Paris wächst die Sorge, dass China darauf mit einem Exportstopp für kritische Mineralien reagieren könnte. In diesem Fall würden Produktionsstopps in europäischen Fabriken drohen. Das neue Instrument soll Peking davon abhalten, diesen Schritt zu gehen und den Konflikt weiter zu eskalieren.
Ziel ist es, eine Art Gleichgewicht des Schreckens zu schaffen. Das Instrument werde entwickelt, damit es nicht eingesetzt werden müsse, heißt es in Berlin. Die Vergeltungslogik, die dahintersteht, erinnert an die Zeit des Kalten Krieges, als die gegenseitige Vernichtungsdrohung mit Kernwaffen die Blockkonfrontation mit der Sowjetunion stabilisierte. Europas neues Handelsinstrument soll so furchteinflößend sein, dass die bloße Drohung damit reicht, China zu Verhandlungen zu bringen.
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🔴Analog zur Nuklearstrategie der Nato soll die EU nach dem Willen der deutschen und der französischen Regierung flexibel reagieren können.
Der Ausschluss eines gesamten Landes vom Binnenmarkt sei eine Ultima Ratio, betonen beide Länder. Jede Eskalation soll mit einer ebenbürtigen Gegenmassnahme beantwortet werden können. Nicht gleich mit einem Handelsstopp. Das soll sicherstellen, dass die europäischen Drohungen für Länder wie China glaubwürdig sind.
Neben der Forderung nach einem Abschreckungsinstrument machen sich Deutschland und Frankreich für ein Diversifizierungsinstrument stark. Dieses soll Unternehmen vorschreiben, wie stark sie von einzelnen Lieferanten abhängig sein dürfen. Gerade im Bereich der seltenen Erden ist die europäische Industrie nahezu vollständig auf die Lieferbereitschaft der chinesischen Partner angewiesen.
Das macht Europa erpressbar, und das soll sich nach dem Willen von Deutschland und Frankreich künftig ändern. Die Diversifizierungsvorschriften sollen möglichst wenig bürokratisch sein, heisst es in Berlin. Ein Streit mit der Industrie wie beim Lieferkettengesetz solle unbedingt vermieden werden. Daher dürften die Vorgaben zunächst nur für kritische Branchen wie die Verteidigungsindustrie gelten.
Die Ressorts sprechen sich dafür aus, dass die Europäische Kommission eine sogenannte Antisubventionsuntersuchung gegen chinesische Automobilkonzerne einleiten soll. Dabei geht es um sogenannte Plug-in-Hybride, also Autos mit einem Elektroantrieb und einem klassischen Verbrennungsmotor. Für deutsche Hersteller sei diese Fahrzeugkategorie erfolgskritisch, heisst es in dem SPD-Papier. In dem Papier wird auch gefordert, staatliche Förderprogramme für Elektroautos so auszugestalten, dass davon heimische Hersteller stärker profitieren.
Um Wettbewerbsverzerrungen und systematischen Regelverletzungen durch China robuster entgegenzutreten, fordert die SPD zudem, bestehende Instrumente wie Ausgleichszölle bei Dumping und Subventionen oder Einfuhrkontingente stärker zu nutzen.
Ausserdem will die SPD verhindern, dass in der Autoindustrie nur noch Komponenten aus Asien zusammengeschraubt werden. Entscheidende Komponenten sollen vielmehr in Europa entwickelt und produziert werden. Die Bundesregierung soll sich in den Verhandlungen mit der EU-Kommission über einen sogenannten "Industrial Accelerator Act" dafür einsetzen, die Wirksamkeit der entsprechenden Regelungen in "Tiefe und Reichweite zu maximieren", heisst es in dem Papier.
Zudem will die SPD die Regeln für die Übernahme von deutschen Unternehmen durch ausländische Investoren verschärfen. Ein entsprechendes Investitionsprüfgesetz aus dem Wirtschaftsministerium ist derzeit in der Ressortabstimmung. Allerdings gehen der SPD die Vorschläge von Ministerin Katherina Reiche (CDU) nicht weit genug.
So setzen sich die SPD-geführten Ressorts für striktere Prüfkriterien zum Schutz von Wissen ein. Künftige Regelungen sollten die wirtschaftliche, technologische und digitale Souveränität Deutschlands stärken und nicht schwächen, heisst es in dem Papier.
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