Es war fünf Uhr morgens, eine Uhrzeit, zu der Menschen noch nicht vollständig Menschen sind.
Sie stehen auf Bahnsteigen, starren auf Anzeigetafeln und auf ihr Handy.
Ich wartete auf meinen Zug.
Ein Mann trat neben mich.
"Das Entscheidende ist doch, dass sie den zweiten Teil viel zu früh freigegeben haben."
Kein Guten Morgen. Keine Frage. Nicht einmal dieses kurze prüfende Lächeln, mit dem Fremde normalerweise feststellen, ob man grundsätzlich ansprechbar ist.
Er sagte es, als hätten wir unser Gespräch vor zehn Minuten unterbrochen.
Mein Gehirn sprang an.
Nicht langsam. Sofort.
"Das war absehbar", sagte ich. "Seit sie die Zuständigkeiten getrennt haben, weiß keiner mehr, wer eigentlich den ersten Teil beendet. Im Grunde laufen beide Teile gleichzeitig. Deshalb merkt auch niemand, wenn etwas fehlt."
Der Mann nickte ernst.
"Vor allem nachts."
"Nachts ist es praktisch nicht mehr kontrollierbar."
Ich hatte keine Ahnung, wovon wir sprachen.
Das Erschreckende war, dass ich mich trotzdem vollkommen sicher fühlte.
"Früher", sagte der Mann, "gab es wenigstens noch Übergänge."
"Ja", sagte ich. "Heute gibt es nur noch Anschlüsse."
Er sah mich an.
"Und die werden meistens verpasst."
Für einen Augenblick hatte unser Gespräch sogar einen gewissen philosophischen Tiefgang erreicht, vermutlich versehentlich.
Dann sagte er:
"Das liegt aber auch an den Zahlen."
Ich nickte.
"Die Zahlen waren von Anfang an das Problem."
"Sag ich ja."
Wir schwiegen.
Neben uns summte ein Fahrkartenautomat. Irgendwo wurde eine Flasche in einen Mülleimer geworfen. Die Lautsprecher kündigten eine Verspätung an, allerdings nicht meine. Man muss im Leben auch kleine Erfolge anerkennen.
Der Mann sah auf die Gleise.
"Im November wird es ohnehin anders."
"Davon gehe ich aus."
"Komplett anders."
"Mindestens."
Mein Zug fuhr ein.
Ich war der Deutschen Bahn in diesem Moment beinahe dankbar, was vermutlich zeigt, wie ernst die Lage war.
"Ich muss", sagte ich.
Der Mann nickte, als hätte er Verständnis dafür, dass ich unsere wichtige Besprechung verlassen musste.
Ich stieg ein.
Als der Zug anfuhr, sah ich ihn noch auf dem Bahnsteig stehen. Er blickte mir hinterher. Vielleicht bedauerte er, dass wir die Sache mit November nicht abschließend geklärt hatten.
Ich setzte mich ans Fenster.
Ein paar Kilometer lang dachte ich nicht darüber nach.
Dann doch.
Vielleicht war der Mann verrückt.
Vielleicht ich.
Vielleicht waren wir beide vollkommen normal und genau das war das Problem.
Draußen schob sich langsam der Morgen über die Felder.
Der Schaffner kam durch den Wagen, kontrollierte mein Ticket, sah kurz darauf und sagte:
"Ab November gilt das so übrigens nicht mehr."
Ich sah ihn an.
"Wegen der Zahlen?"
Er nickte.
Seitdem schlafe ich morgens im Zug.
Guten Morgen. Ihr ...