Ein Medium, das sich ernsthaft als Leitmedium versteht, setzt 2026 eine Schlagzeile über einen ungeklärten Todesfall aus dem Jahr 1931. Nicht als Randnotiz in einem Fachblatt, sondern als prominenter Aufmacher.
Die Frage, ob Adolf Hitler 1931 seine Nichte Geli Raubal erschossen hat, ist historisch legitim. Neue Aktenfunde, die ein altes Alibi ins Wanken bringen, gehören ins Archiv und in die Geschichtswissenschaft.
Sie gehören aber nicht in die Aufmerksamkeitsökonomie einer Gegenwart, in der täglich Tote entstehen, deren Namen kaum einer kennt, weil sie nicht in das etablierte Ritual der Erinnerung passen.
Was hier betrieben wird, ist keine Aufklärung. Es ist die Pflege eines festen kulturellen Reflexes: Sobald die Gegenwart unbequem wird, kehrt man zum sicheren Terrain zurück.
Hitler bleibt der universale Bezugspunkt, an dem sich Empörung, Moral und redaktionelle Relevanz mühelos entzünden lassen.
Ein fast hundert Jahre alter, nie vollständig aufgeklärter Fall liefert Spannung, Pathos und den Anschein von Bedeutung, ohne dass man sich mit den Mechanismen auseinandersetzen muss, die heute Menschenleben kosten.
Mich interessiert nicht, wer 1931 in einer Münchner Wohnung den Abzug betätigt hat. Mich interessiert, welche politischen Entscheidungen der letzten Jahre tote Körper auf Straßen, in Bahnhöfen und Wohnungen hinterlassen haben – und warum dieselben Redaktionen, die bei jedem neuen Hitler-Detail hellwach sind, bei diesen Fällen oft erstaunlich zurückhaltend bleiben.
Geschichte verdient Genauigkeit. Gegenwart verdient Priorität. Wer beides verwechselt, betreibt keine Erinnerungskultur. Er betreibt Ablenkung und Schuldkult.