Warum Populisten an ihren Lügen erstaunlich selten scheitern - eine Analyse 👇
Am 10. September 2024 konnte man im amerikanischen Fernsehen etwas beobachten, das nach den vertrauten Regeln politischer Kommunikation verheerend hätte enden müssen.
Kamala Harris trieb Donald Trump im TV-Duell wiederholt in die Defensive. Besonders zuverlässig funktionierte ein Angriff auf eine seiner empfindlichsten Stellen: seine Eitelkeit. Harris erwähnte Menschen, die seine Wahlkampfveranstaltungen aus Langeweile und Erschöpfung vorzeitig verließen. Trump biss sofort an, redete über die Größe seiner Veranstaltungen und gelangte wenig später zu einem der bizarrsten Sätze des Wahlkampfes:
👉 "Migranten in Springfield würden Hunde und Katzen essen."
Harris schaute, als hätte im Aufzug gerade jemand erklärt, Napoleon zu sein. 👀
Die Behauptung war unbelegt, sie war völlig bizarr. Behörden in Springfield hatten erklärt, dass es keine glaubwürdigen Berichte über derartige Vorfälle gebe. Selbst der Moderator korrigierte Trump noch während des Duells.
Eine CNN-Sofortbefragung unter Zuschauern fiel anschließend erwartungsgemäß mit 63 zu 37 Prozent deutlich zugunsten von Harris aus.
Nach den traditionellen Regeln eines Fernsehduells hatte Trump verloren.
👉 Knapp zwei Monate später wählten die Amerikaner ihn zum Präsidenten.
Wer verstehen will, weshalb erfolgreiche Populisten wie Trump oder die AfD an entlarvten Lügen und Skandalen so erstaunlich selten scheitern, sollte genau bei diesem scheinbaren Widerspruch anfangen.
🔎 Die Lüge, die gar nicht geglaubt werden muss
Unsere übliche Vorstellung politischer Kommunikation funktioniert ungefähr so: Ein Politiker behauptet etwas. Journalisten prüfen die Behauptung. Sie erweist sich als falsch. Der Politiker verliert Glaubwürdigkeit. Wiederholt sich das häufig genug, verliert er Wähler und anschließend die Wahl.
Das klingt vernünftig. Es setzt allerdings voraus, dass seine Anhänger den Wahrheitsgehalt einzelner Aussagen ähnlich gewichten wie seine Kritiker.
Genau daran darf man zweifeln, daß ist der Knackpunkt. 😉
Eine bemerkenswerte Studie der Soziologen Oliver Hahl, Minjae Kim und Ezra W. Zuckerman Sivan trägt den ausgesprochen passenden Titel "The Authentic Appeal of the Lying Demagogue".
Die Forscher untersuchten ein zunächst paradoxes Phänomen: Menschen können einen Politiker als authentischen Vertreter ihrer Interessen wahrnehmen, obwohl seine Lügen klar erkennbar sind.
Besonders interessant wird der Mechanismus, wenn Menschen das politische System als unfair, illegitim oder gegen die eigene Gruppe gerichtet erleben. Unter diesen Bedingungen kann eine offensichtliche Verletzung gesellschaftlicher Normen sogar zum Signal werden: Dieser Politiker unterwirft sich den Regeln des verhassten Systems nicht. Er kämpft gegen diejenigen, von denen wir uns betrogen fühlen. 😩
Der Regelbruch beschädigt seine Authentizität dann nicht nur weniger als erwartet. Er kann sie sogar stärken. Damit verändert sich die Funktion einer politischen Behauptung. 👉 Trumps Geschichte über haitianische Migranten und Haustiere war faktisch völlig grotesk. Ihre eigentliche Botschaft war für seine Anhänger allerdings eine größere:
"Migration ist außer Kontrolle. Die Regierung versagt. Normale Amerikaner tragen die Folgen. Medien und politische Eliten verschweigen oder verharmlosen das Problem. Trump spricht es wenigstens aus."
Unter diesen Voraussetzungen muss der Hund gar nicht gegessen worden sein. 🍴🐕 Er wird zum Statisten in einer größeren Erzählung.
Der Faktenchecker kommt anschließend und erklärt gewissenhaft, dass der Hund wohlauf ist. Damit hat er den Hund gerettet. Politisch ist bei Trump-Wählern erstaunlich wenig gewonnen.
🎵 Tell me lies
Hier wird der alte Fleetwood-Mac-Song interessanter, als es einem Popsong aus dem Jahr 1987 eigentlich zusteht. Sweet Little Lies handelt vom gewollten Belogenwerden. Die Wahrheit droht etwas zu zerstören, das man behalten möchte. Also wird die andere Erzählung attraktiver.
Beim politischen Populismus muss die Lüge keineswegs angenehm sein. Sie darf von Niedergang, Migration, Verrat, korrupten Eliten oder dem bevorstehenden Untergang des Landes handeln. Sie muss nur entlasten.
Eine komplizierte, auf den ersten Blick nicht durchschaubare Wirklichkeit bekommt plötzlich eine verständliche Ordnung. Für Abstiegsängste gibt es Schuldige. Gesellschaftliche Veränderungen folgen angeblich einem perfiden Plan. Unterschiedliche Probleme bekommen denselben Urheber. Und irgendwann steht auch jemand (wütend gestikulierend oder Dauerlächelnd) auf der Bühne, der verspricht, das alles wieder in Ordnung zu bringen. Einfach so.
Die Lüge muss deshalb gar nicht stark genug sein, um als Tatsachenbehauptung zu bestehen. Sie muss lediglich attraktiv genug sein, um eine unangenehme Wirklichkeit abzuwehren. Der Anhänger kann durchaus beschwichtigend sagen:
"Das mit den Katzen war wahrscheinlich Quatsch. Aber im Kern hat Trump recht."
👉 Genau dieser Satz ist gefährlicher als blinde Leichtgläubigkeit, denn die einzelne Lüge darf sterben aber die Geschichte überlebt.
🇩🇪 Von Trump zur AfD
Damit sind wir ziemlich schnell in Deutschland.
Auf X lässt sich regelmäßig dasselbe Ritual beobachten. Ein AfD-Politiker sagt etwas völlig Abwegiges. Journalisten recherchieren. Juristen ordnen ein. Ökonomen rechnen nach. Accounts hier zerlegen Aussagen Satz für Satz und präsentieren anschließend ziemlich überzeugend, was daran falsch, widersprüchlich oder praktisch kaum umsetzbar ist.
Ein AfD-Unterstützer schreit rum, schubst Leute, ist aggressiv, einem AfD-Politiker wird Unterschlagung oder Russlandtreue nachgewiesen.
Dann erscheint die nächste Sonntagsfrage.
👉 📈 Die AfD steigt.
Ende August 2026 liegt sie in den bundesweiten Umfragen verschiedener Institute zwischen 27 und 29 Prozent.
Darauf folgt regelmäßig dieselbe Fassungslosigkeit: Wie kann eine Partei nach all dem noch zulegen, sind deren Anhänger blind und taub?
Dahinter steckt eine verständliche Hoffnung. Irgendwann müsse der Stapel der Widerlegungen eine Höhe erreichen, bei der politische Loyalität aus statischen Gründen zusammenbricht.
Eine bekannte Mindesthöhe gibt es offenbar nicht, die zugrunde liegende Rechnung behandelt jede Enthüllung bei der AfD wie einen weiteren Abzug vom Vertrauenskonto. Irgendwann müsste der Saldo negativ sein.
Das Problem dabei: ➡️ Populistische Bindung funktioniert so nicht. 🤫
Wieso? 👇
Die AfD präsentiert sich seit Jahren als Gegnerin eines politischen, medialen und gesellschaftlichen Establishments. Wer bereits überzeugt ist, dass dieses Establishment gegen die Interessen der eigenen Gruppe handelt, hört Kritik an der AfD unter ganz anderen anderen Voraussetzungen.
👉 Der Journalist denkt:
"Ich zeige, dass diese Aussage falsch ist."
👉 Der AfD-Anhänger sieht:
"Schon wieder gehen die Medien auf die AfD los. 😩"
👉 Ein Ökonom berechnet, dass ein bestimmtes Vorhaben erhebliche wirtschaftliche Nachteile haben könnte.
👉 Die Antwort eines AfD-Anhängers kann lauten:
"Natürlich erklären uns die s.g. System-Experten wieder, warum wir die AfD nicht wählen dürfen. 😩"
👉 Eine Institution äußert sich kritisch zur Partei.
👉 Das vorhandene Narrativ liefert die Übersetzung praktischer Weise gleich mit:
"Klar, Das System bekämpft seine Opposition. 😩"
So kann eine Widerlegung in genau die Geschichte eingebaut werden, die sie widerlegen sollte. 😉
Die Hoffnung, ausgerechnet der siebenundvierzigste Faktencheck werde die Erleuchtung bringen, nachdem die ersten sechsundvierzig bereits als Beweis einer Kampagne gegen die eigene Seite verbucht wurden, verlangt jedenfalls einen bemerkenswerten Glauben an die pädagogische Kraft des Quellenlinks. 📎
📊 Ein harter Kern erklärt noch keine 28 Prozent
Damit ist allerdings erst die halbe Geschichte erzählt und hier wird es unbequem.
Ein politisch abgeschotteter harter Kern erklärt Stabilität. Er erklärt noch keinen starken Zuwachs. Eine Partei wächst nicht auf 27 oder 28 Prozent, indem dieselben Anhänger jeden Monat ein wenig überzeugter werden.
Wer diesen Zuwachs ausschließlich mit Verblendung der Anhänger erklären möchte, spart sich viel Arbeit. Er erklärt damit allerdings keinen einzigen zusätzlichen Wähler, denn die neuen Wähler müssen zunächst hinzukommen.
Und genau hier beginnt der Mechanismus früher.
Menschen wenden sich einer populistischen Partei aus sehr unterschiedlichen Gründen zu. Manche sind mit der Migrationspolitik unzufrieden, andere mit ihrer wirtschaftlichen Situation, mit der Regierung, mit gesellschaftlichen Veränderungen oder mit Institutionen. Bei manchen ist es Protest. Andere haben das Gefühl, politisch nicht mehr vorzukommen.
Sie müssen - daß ist wichtig zu verstehen! - zu diesem Zeitpunkt keineswegs das vollständige Weltbild der Partei teilen. Der Populismus macht diesen Leuten ein Angebot: Er verbindet unterschiedliche Unzufriedenheiten zu einer gemeinsamen Geschichte.
👉 Eure Probleme haben eine gemeinsame Ursache. Die politische Elite handelt gegen euch.
Das ist kommunikativ ungemein wirkungsvoll.
Aus einzelnen Enttäuschungen entsteht eine einfach zu verstehende Erklärung der komplizierten Welt. 🌎 Wer zunächst wegen eines Sachthemas kommt, übernimmt mit der Zeit weitere Bestandteile des Narrativs.
Aus "Bei Migration halte ich die AfD für überzeugender" wird irgendwann:
👉 "Die etablierten Parteien lösen das Problem absichtlich nicht."
Später dann:
👉"Die Medien decken das."
Und schließlich:
👉 "Natürlich wird die AfD von Medien, Behörden und Parteien bekämpft. Sie ist schließlich die einzige echte Opposition."
Die Bindung entsteht also nicht erst nach der Radikalisierung. Sie kann sich schrittweise schließen.
🧩 Wenn Informationen ihren neutralen Absender verlieren
Hier hilft Friedrich Glasls Modell der Konflikteskalation.
Glasl beschreibt auf der vierten Eskalationsstufe, "Bilder und Koalitionen", einen Zustand, in dem sich feste Bilder des Gegners herausgebildet haben. Neue Informationen verändern dieses Bild kaum noch. Sie werden durch dieses Bild interpretiert. Genau dieser Mechanismus lässt sich in stark polarisierten politischen Auseinandersetzungen wiedererkennen.
Eine Information hat irgendwann keinen neutralen Absender mehr. Der gleiche Befund wird unterschiedlich bewertet, abhängig davon, ob er vom eigenen Lager, von einem Wissenschaftler, der Tagesschau, einer Behörde oder einem politischen Gegner stammt.
Genau das sehen wir bei vielen AfD-Anhängern. Dem Außen begegnen sie zwar mit generalisiertem Misstrauen, nach innen herrscht aber ein absolutes Vertrauen. Oberflächlich diskutiert man noch darüber, ob eine Zahl stimmt. Darunter läuft aber längst eine ganz andere Auseinandersetzung:
👉 Wem darf man überhaupt noch glauben?
Glasls nächste Stufe heißt "Gesichtsverlust". Nun gilt der Gegner zunehmend nicht mehr bloß als irrend oder interessengeleitet. Seine moralische Integrität selbst steht infrage.
Her auf X muss man für Anschauungsmaterial gewöhnlich nicht lange scrollen. Aus politischen Gegnern werden Systemparteien, Volksverräter, Faschisten, NGO-Agenten oder linksgrüne Propagandisten. Die konkrete Sachfrage dient häufig nur noch als Austragungsort eines längst viel größeren Konflikts.
Nicht zu vergessen, auch wenn das einige von mir nicht hören wollen. 👉 Dieser Mechanismus ist kein Privileg von AfD-Anhängern.
Auch ihre Gegner können Informationen vorsortieren, weil sie vom falschen Absender kommen, und irgendwann eher das Etikett als das Argument prüfen.
Achtet mal darauf - Wer bei diesem Absatz ausschließlich an die jeweils anderen denkt, liefert möglicherweise bereits ein kleines Anschauungsbeispiel. 😉
Daraus folgt allerdings keine bequeme Symmetrie der Tatsachen, denn daß Menschen auf beiden Seiten zu denselben psychologischen Wahrnehmungsmustern fähig sind, sagt nichts darüber aus, ob ihre jeweiligen Behauptungen gleich gut belegt sind. Glasl beschreibt die Dynamik des Konflikts sehr klar.
Ob eine konkrete Behauptung stimmt, entscheidet weiterhin die Evidenz, sonst nichts und gerade deshalb ist diese Unterscheidung wichtig. Sonst wird aus der richtigen Beobachtung, daß beide Seiten Feindbilder entwickeln können, sehr schnell die falsche Folgerung, beide Seiten hätten deshalb auch gleichermaßen recht oder unrecht.
🏛️ Der Protest gegen die Elite braucht die Elite
Wer sich wie Trump oder die AfD als Aufstand gegen eine angeblich geschlossene Elite präsentiert, benötigt diese Elite als permanente Gegenfigur.
Die AfD sagt ihren Anhängern, etablierte Parteien, Medien und Institutionen wollten sie kleinhalten. Dann kritisieren etablierte Parteien, Medien und Institutionen die AfD.
👉 Für einen fest gebundenen Anhänger ist damit weniger die AfD widerlegt als deren Erzählung bestätigt.
Besonders hübsch wird es, wenn die Partei behauptet:
"Sie wollen uns zum Schweigen bringen. 😩"
Und anschließend Menschen öffentlich möglichst laut fordern, man müsse diese Partei endlich zum Schweigen bringen. Kommunikationstechnisch könnte die Lieferung kaum zuverlässiger erfolgen.
Das macht Kritik weiterhin notwendig. Man sollte lediglich verstehen, welche Wirkung sie in unterschiedlichen Gruppen entfaltet.
🧠 Faktenchecks sind Konkurrenz um Wirklichkeit
An diesem Punkt entscheidet sich auch, welchen Sinn Faktenchecks noch haben.
Wenn ihr erwartet, einen stark identitätsgebundenen Anhänger mit dem siebenundvierzigsten Beleg zu einer vollständigen Neubewertung seiner politischen Zugehörigkeit zu bewegen, verlangt ihr von einem Faktencheck eine psychotherapeutische Wunderheilung. Dafür wurde der nicht erfunden. 😉
Ihr vergesst, sein wichtigstes Publikum sitzt daneben. 🤫
Das sind Menschen, die unzufrieden, aber noch nicht festgelegt sind. Menschen, die eine Behauptung zum ersten Mal lesen. Menschen, bei denen aus einem politischen Ärgernis noch keine vollständige Erklärung der Welt geworden ist.
Gerade weil populistische Bindung entstehen und sich anschließend verhärten kann, sind Faktenchecks in dieser früheren Phase wichtig. Sie sind Konkurrenz um die Beschreibung der Wirklichkeit. Sie verhindern, dass eine emotional eingängige Erzählung unwidersprochen zur einzigen verfügbaren Erklärung wird.
Man dokumentiert die Methode. Man zeigt den Trick. Man trennt belegbare Tatsachen von Manipulation und politischer Inszenierung.
Die erwartete Mechanik bei Faktenchecks/Enthüllungen lautet:
👉Enthüllung → Empörung → Erkenntnis → sinkende Umfragewerte
Nur: Die politische Wirklichkeit hat sich bislang hartnäckig geweigert, dieses Ablaufdiagramm zu lesen.
Beim harten Kern kann die Empörung der Gegenseite sogar als weiterer Beweis für das bestehende Narrativ dienen:
👉 "Seht ihr, wie sie wieder auf uns losgehen. 😩"
Bei denjenigen, die gerade erst anfangen, dieses Narrativ attraktiv zu finden, kann die Widerlegung dagegen noch etwas bewirken. Genau deshalb lohnt sie sich.
🎶 Sweet Little Lies
Vielleicht ist das die unbequemste Erkenntnis aus dem Fernsehduell zwischen Harris und Trump.
👉 Harris konnte Trump rhetorisch klar schlagen.
👉 Faktenchecker konnten seine wilden Behauptungen widerlegen.
👉 Millionen Zuschauer konnten beobachten, wie leicht er sich provozieren ließ und welchen Unsinn er dabei erzählte.
➡️ Es reichte nicht.
Denn der erfolgreiche Populist verkauft keine Sammlung überprüfbarer Einzelaussagen. Er verkauft eine Geschichte darüber, wer schuld ist, wem man noch vertrauen kann und wer angeblich auf der eigenen Seite steht. Solange so eine Geschichte trägt, kann erstaunlich viel darin falsch sein.
Die einzelne Lüge muss nicht einmal vollständig geglaubt werden. Es genügt manchmal, dass der Wähler sie glauben will, weil die Alternative bedeuten würde, die größere Geschichte infrage zu stellen.
Fleetwood Mac hatten eher keine Theorie des modernen Populismus im Sinn.
Die entscheidende Zeile haben sie trotzdem geliefert:
👉 Tell me lies. Tell me sweet little lies. 😎
#Populismus #Desinformation #Faktencheck #AfD #Trump #PolitischeKommunikation