Wahlen in Brasilien: Flavio Bolsonaro hat die erste Runde gewonnen, verfehlte aber die absolute Mehrheit von 50 %. Die Stichwahl ist am 25.10.26.
Ich habe noch nie an einer brasilianischen Wahl teilgenommen, obwohl ich dazu berechtigt wäre. Mein Lebensmittelpunkt ist die Schweiz. Trotzdem erfahre ich aus nächster Nähe, was passiert. Mein Vater schickt mir gefühlt zehn Reels am Tag und teilt seine Gedanken. Er wird in wenigen Tagen 84, war 35 Jahre Sportlehrer und Schuldirektor, unter anderem an öffentlichen Schulen. Vor zehn Jahren blieb seine Rente ein Jahr aus, wegen Korruption bei den Altersrenten. Schuld waren die Parteien um Lula. Das war der Wendepunkt unserer Familie. Seitdem wählen mein Vater, mein Halbbruder, ich (in der Schweiz), meine Tante, mein Onkel und einige Cousins nicht mehr links. Seitdem habe ich gegen meinen Willen seltener Kontakt zu vielen nahen Verwandten.
Unsere Familie ist nicht die einzige, die gespalten ist. Die Spaltung zieht sich durchs Land. In Rio, wo ich herkomme und das einst zu den liberalsten Bundesstaaten zählte, erreichte Flavio Bolsonaro die absolute Mehrheit mit 53 %. Wer arbeitet, hat Lulas Politik satt. Die politische Verfolgung durch seinen Richter Moraes ist absurd. Er steckt im grössten Korruptionsskandal und wird dank Lulas Unterstützung verschont. Jair Bolsonaro ist im Hausarrest und gesundheitlich stark angeschlagen. Die Strafe wurde ohne Prozess verhängt. Das ist der Zustand des Landes.
Flavio Bolsonaro ist Baptist, anders als sein katholischer Vater. Er besuchte einst dieselbe Kirche wie meine Tante. Unsere Familie ist seit drei Generationen baptistisch. 30 % der Brasilianer sind evangelikal, 51 % katholisch.
Dass der Norden hauptsächlich „rot“ und sozialistisch wählt, hängt mit der Armut und den vielen Sozialhilfeempfängern zusammen. In mehreren Nord- und Nordoststaaten gibt es mehr Bolsa-Família-Empfänger als formal Beschäftigte. Im südlichen blauen Teil beziehen 3–7 % Sozialhilfe, im roten Teil 13–15 %.
Der nördlichste Bundesstaat Roraima, auf der Karte blau, hat die Flüchtlingsströme aus Venezuela erlebt und hat ebenfalls keinen Bock mehr auf Sozialismus.