Ein Satz aus meiner Revisionsverhandlung (der erste, aber nicht letzte Strafbefehl) lässt mich nicht los.
Ich wurde verurteilt, weil ich die Einsätze der IDF gegen die Täter des 7. Oktober und deren Unterstützer verteidigt habe. Der Vertreter der Staatsanwaltschaft legte dabei besonderes Gewicht auf das Wort „Komplizen“ in meinem Beitrag.
Er erklärte, ein Komplize könne schließlich auch ein Anwalt sein.
Damals erschien mir das absurd.
Ich dachte an Terroristen. An Helfer. An Unterstützer. Nicht an Menschen, die Recht schützen, vertreten oder kontrollieren sollen.
Heute lese ich von Fällen, in denen genau jene Personen, denen der Staat Vertrauen und Verantwortung überträgt, eine entscheidende Rolle spielen sollen, wenn Gesetze umgangen und Kontrollmechanismen ausgehebelt werden.
Und plötzlich klingt dieser Satz aus der Verhandlung anders.
Nicht weil ich damals Anwälte meinte.
Sondern weil ich damals noch glaubte, dass die größten Gefahren immer von außen kommen.
Manchmal kommen sie von dort, wo eigentlich die Schutzmauer stehen sollte.
Abou-Chaker. Mit gefälschten Dokumenten, manipulierten Ausweisen und fingierten Vollmachten bringen sie ein Berliner Grundbuchamt dazu, sie als Eigentümer eines Mehrfamilienhauses in Friedrichshain einzutragen - und entreißen damit einem älteren Hamburger Ehepaar das Eigentum.
Der zuständige Richter spricht von "einem schweren Angriff auf das Grundbuch und das Notariatswesen" - also auf zentrale Fundamente des deutschen Rechtssystems. Sie hatten Unterstützung von genau den Bereichen, die eigentlich für Kontrolle sorgen sollen: ein Notar, ein Rechtsanwalt.
"In dem Grundbuchamtfall", erzählt der Beamte weiter, "hatten sie eben auch Hilfe von den Menschen, die eigentlich das Rechtssystem schützen sollen."
Wenn kriminelle Netzwerke Zugang zu Schlüsselstellen des Systems bekommen, verlieren Kontrollmechanismen ihre Wirkung.
Wir verlieren dieses Land/Liv von Boetticher