Sie werden es nie verstehen.
Diejenigen, die jetzt nach einer noch härteren Union schreien. Die jetzt fordern: Schmeißt die SPD aus der Regierung.
Sie wollen es noch härter, noch kälter, noch schmutziger, weil die AfD es genauso macht – und damit gewinnt.
Ihr Super-Strategen. Ihr, die ihr geistig längst bei der AfD eingezogen seid: Wechselt doch einfach die Partei. Macht es. Traut euch.
Denn egal, wie eisig der politische Wind in Deutschland bereits geworden ist: Es wird nichts ändern.
43,8 Prozent AfD.
Das ist passiert, obwohl die Migrationspolitik längst massiv verschärft wurde. Obwohl auf Menschen, die ohnehin kaum noch etwas haben, herumgetrampelt wurde, bis vom letzten Rest Würde möglichst öffentlich nicht mehr viel übrig blieb. Dass die Fossillobby inzwischen wieder freie Fahrt hat und Klimapolitik zur lästigen Nebensache erklärt wurde, kommt noch obendrauf.
Es ist die falsche Strategie.
Es ist völlig egal, was eine Regierung macht, solange nicht AfD draufsteht. Man könnte inzwischen fast Björn Höcke auf den Kanzlerstuhl setzen – solange auf dem Türschild CDU stünde, würden dieselben Leute weiter behaupten, alles sei linksgrünversifft und Deutschland müsse endlich „gerettet“ werden.
Niemand von diesen Wählern hat gestern aus Versehen sein Kreuz gemacht.
Sie wollen diese AfD.
Egal, wie rechtsextrem ihre Parolen sind. Egal, wie korrupt einzelne Vertreter auffallen. Egal, wie sehr eine AfD-Politik gerade vielen ihrer eigenen Wähler wirtschaftlich und sozial schaden würde.
Daraus kann nicht folgen, dass die CDU jetzt noch rechter werden muss.
Dieses Angebot hat sie längst gemacht. Trotz allem Gemaule aus der SPD ist politisch sehr vieles genau dorthin gerückt, wo die Union und ihre ganz Harten es haben wollten.
Noch härtere Migration. Noch mehr Kulturkampf. Noch mehr Sozialabbau. Noch mehr „CDU pur“.
Ja, dann nennt es doch gleich AfD!
Merz hat die AfD trotz all seiner Anwürfe gegen „links“, Grüne und Ampel nicht halbiert.
In Sachsen-Anhalt hat sich die AfD mehr als verdoppelt.
Und die CDU hat sich praktisch halbiert.
Die Antwort darauf kann doch nicht ernsthaft lauten: Dann machen wir eben noch mehr von dem, was gerade krachend gescheitert ist.
Wer eine Alternative zur AfD sein will, muss eine Alternative sein.
Er kann sich nicht, wie der Bundeskanzler noch am Wahltag, hinstellen und wieder gegen die Ampel schießen.
Statt zu versöhnen, eine große demokratische Mehrheit zu suchen und emotional genau das Gegenteil der AfD anzubieten, verhält sich die Union selbst in der Regierung noch wie eine Oppositionspartei.
Sie ist zur Opposition der Opposition geworden.
Sie schaut auf die AfD, sieht, womit die Erfolg hat, beneidet sie um ihre Strategie und versucht, dieselben Themen, dieselbe Härte und dieselbe Stimmung in etwas bürgerlicherer Verpackung anzubieten. Nur die AfD selbst findet sie weiterhin ein bisschen pfui. Und das ist das Problem.
Das ist doch kein Regierungskonzept.
Das ist Hinterherlaufen. Gleichzeitig schlägt sie der verirrten Wählergruppe mit einem Igitt vor den Kopf.
Und dann fährt sie 17,2 Prozent ein.
Und der Bundeskanzler traut sich nicht einmal vor die Kameras.
Man kann nicht jahrelang nach rechts treiben, die Grünen zum Hauptfeind erklären, Sozialkürzungen und eine immer härtere Migrationspolitik als Rezept gegen die AfD verkaufen – und sich anschließend wundern, wenn die Leute, die genau diese politische Erzählung verinnerlicht haben, lieber das Original wählen.
Die AfD hatte einmal angekündigt: „Wir werden sie jagen.“
Genau das hat sie getan.
Nicht nur politisch. Emotional.
Mit einer Dauererzählung aus Verrat, Niedergang, Bedrohung, Demütigung und Erlösung. Mit der Behauptung, nur diese eine Partei könne das Land noch retten. Fakten wurden dabei zweitrangig. Entscheidend war das Gefühl.
Man kann das Sektenlogik nennen.
Und die Union hatte darauf keine Antwort, sondern nur eine Igitt mit Brandmauer.
Vorher hatten auch SPD, Grüne und FDP keine.
Und ich sage euch auch, warum:
Weil viel zu lange nicht darum gekämpft wurde, wieder Vertrauen in demokratische Politik herzustellen, sondern darum, die eigene Macht irgendwie über den nächsten Wahltermin zu retten. Dafür wurde keine Politik für das Volk gemacht, sondern eine für Interessen.
Wenn wir aber nicht endlich anfangen, Menschen aus dieser emotionalen Geiselhaft zu holen, statt ihnen die AfD-Rhetorik in einer vermeintlich bürgerlicheren Verpackung hinterherzutragen, dann werden wir diesen Weg bis zum Ende gehen.
Und irgendwann ist Deutschland dann tatsächlich völlig blau-besoffen.
Und dann hilft kein erschrockenes „Wie konnte das passieren?“ mehr.