#Analyse
Nach einer weiteren furchtbaren Woche in der Ukraine werden einige Entwicklungen immer klarer.
1. Russland eskaliert den Krieg gegen die Zivilbevölkerung.
Ausmaß und geografische Ausdehnung des russischen Terrors nehmen täglich zu. Ob ballistische Raketen, düsengetriebene Kamikaze-Drohnen oder gelenkte Bomben: Was Russland erreichen kann, wird angegriffen.
Dabei richtet sich der Beschuss systematisch gegen zivile Infrastruktur. Es geht längst nicht mehr nur um Logistik- und Lagerzentren – darunter zahlreiche mit Lebensmitteln und medizinischen Gütern. Angegriffen werden Supermärkte, Tankstellen, Bahninfrastruktur, und alle Strukturen, die das zivile Leben aufrechterhalten.
2. Die Ukraine hat einige Entwicklungen nicht rechtzeitig kommen sehen.
Der massenhafte Einsatz düsengetriebener Geran-4- und Geran-5-Drohnen hat sich über zwei bis drei Monate angekündigt. Ein erheblicher Teil der ukrainischen Luftverteidigung war jedoch weiterhin auf Geran-3-Drohnen mit Propellerantrieb ausgerichtet.
Mehrere ukrainische Offiziere erklärten mir, man sei deshalb derzeit teilweise wehrlos. Sie gehen davon aus, binnen drei bis vier Monaten eine Lösung zu finden.
3. Russlands Kriegswirtschaft ist uns bei der Luftkriegsführung überlegen.
Russlands Produktion und Beschaffung ballistischer, Hyperschall- und Marschflugkörper übersteigt unsere Abwehrmöglichkeiten bei Weitem.
Diese Unterlegenheit ist zu einem erheblichen Teil selbst verschuldet: Während Russland seine Wirtschaft weitgehend auf Kriegsproduktion umgestellt hat, befinden sich die westlichen Volkswirtschaften weiterhin im Friedensmodus. Eine adäquate Erhöhung der Produktion findet nicht statt.
Deshalb kann die Ukraine noch so sehr bitten: Es gibt schlicht nicht genügend Patriot-Systeme und andere westliche Abfangraketen, um den ukrainischen Luftraum flächendeckend zu schützen.
4. Russland gewinnt diesen Krieg nicht.
Das könnte den Eindruck erwecken, Russland sei militärisch überlegen und eine ukrainische Niederlage stehe bevor. Dem ist mitnichten so.
Russischer Terror und Raketen haben auf die ukrainischen Streitkräfte bislang höchstens einen peripheren Effekt. Die ukrainische Armee steht weiter massiv an der Front, hält ihre Stellungen und drängt russische Truppen lokal sogar zurück.
Es gibt derzeit keine Anzeichen für einen operativen Durchbruch Russlands. Auch ein Fall der Festungsstädte Slowjansk und Kramatorsk in diesem oder dem kommenden Jahr zeichnet sich nicht ab.
Ohne grundlegende Strategiewende und beispielsweise Hunderttausende zusätzliche Soldaten kann Russland die ukrainischen Streitkräfte kaum entscheidend besiegen.
5. Putins Strategie besteht aus Terror & Zeitgewinn.
Moskau weiß, dass diese Strategie keine entscheidenden militärischen Erfolge bringt. Darum geht es auch nicht primär.
Das Ziel ist vielmehr, die Ukraine so weit wie möglich zu zerstören, während die westliche Unterstützung Stück für Stück erodiert. Russland versucht damit, einen militärisch nicht entscheidbaren Krieg in einen politischen und gesellschaftlichen Abnutzungskrieg zu verwandeln.
6. Die Lösung
Wir müssen endlich verstehen, dass Russland sich mit uns im Krieg befindet – und daraus keinen Hehl macht. Daraus muss eine strategische Konsequenz folgen.
Wenn Russland diesen Krieg nicht durch Zerstörung und Abnutzung gewinnen soll, müssen wir es auf dem Schlachtfeld zurückdrängen. Das bedeutet: Russland in der Ukraine zu besiegen.
Die Ukraine benötigt dafür offensive und defensive Fähigkeiten: Sie muss russische Logistik, Produktionskapazitäten und militärische Infrastruktur wirksam bekämpfen und gleichzeitig ihre Städte und Bevölkerung besser vor dem Terror schützen.
Ziel muss sein, Russland wirtschaftlich und militärisch schneller an seine Grenzen zu bringen, als es die Ukraine zerstören kann.
Denn eines zeigt sich erneut sehr deutlich: Russland kann die Ukraine nicht schnell militärisch besiegen. Aber Russland kann sie langsam zerstören. Genau das müssen wir verhindern.