Habt ihr es wirklich nicht verstanden?
Jüdische Intellektuelle raten Juden inzwischen, Berlin zu verlassen. Nicht aus Panik. Aus Erfahrung. Die Angst ist seit drei Jahren ein ständiger Begleiter, und die Enttäuschung ist in fast jedem jüdischen Gesicht zu lesen. Jüdische Studenten meiden den Campus, weil sie dort eingeschüchtert werden. Jüdische Eltern nehmen ihre Kinder von staatlichen Schulen. Die Zahl antisemitischer Straftaten schießt in die Höhe. „Zionist“ ist zum Schimpfwort geworden, das Existenzrecht Israels wird täglich bestritten. Fast jede Woche werden Juden angegriffen, Synagogen attackiert. Und die Hamas, eine Terrororganisation, wird als „Widerstand“ verklärt.
Das ist keine Momentaufnahme. Das ist eine Entwicklung. Und Entwicklungen haben Urheber.
Wer hat in den vergangenen drei Jahren Seite an Seite mit Islamisten demonstriert? Wer hat das Sagbare so lange verschoben, bis das Unsagbare Alltag wurde? Wer hat geschwiegen, relativiert, applaudiert?
Diese Fragen müssten wir stellen. Stattdessen begnügen wir uns mit Antworten auf Kindergartenniveau. „Ich war es nicht.“ Oder, noch bequemer: „Das ist doch nur legitime Kritik an Israel.“
Wenn es nur Kritik an Israel ist, warum werden dann Juden in Berlin angegriffen? Warum brennen Synagogen und nicht Botschaften? Warum sympathisiert man mit einer Terrororganisation, die Frauen vergewaltigt und Kinder entführt hat? Kritik an einer Regierung braucht keine Hamas-Flagge. Wer sie trotzdem schwenkt, kritisiert nicht. Er bekennt sich.
Antisemitismus war in diesem Land immer das Problem der anderen. Der Rechten, sagten die Linken. Der Migranten, sagten die Rechten. In einem Land, in dem alle aus der Geschichte gelernt haben wollen, findet niemand den Antisemitismus bei sich selbst. Immer nur beim Nachbarn. Das ist keine Aufarbeitung. Das ist Verantwortungsverschiebung mit gutem Gewissen.
Die nächsten Tage und Wochen in berlin werden zeigen, ob „Nie wieder“ noch etwas wert ist. Oder ob wir auch diese Illusion begraben, so wie so viele andere in den letzten Jahren.
Wer sich den Debatten nicht stellt, wählt das Alibi. Davon gibt es in Deutschland gerade unfassbar viele.
Und jedes einzelne ist ein Grund mehr für Juden, ihre Koffer zu packen.