Deutschland dürfte in rund zehn Jahren etwa 200 bis 300 Terawattstunden mehr Strom pro Jahr benötigen. Das entspricht ungefähr 40 bis 60 Prozent mehr als heute. Allerdings umfasst dieser Zuwachs neben der Elektrifizierung auch neue Verbraucher wie KI Rechenzentren.
Mehr Strombedarf, weniger gesicherte Kraftwerksleistung. Genau darin liegt der Widerspruch der deutschen Energiepolitik.
Daniel Wetzel beschreibt in WELT die Größenordnung: Laut Bundesnetzagentur könnte bis 2035 ein Neubaubedarf von 35 Gigawatt Kraftwerksleistung bestehen. Das entspricht etwa 70 großen Gaskraftwerken. Gleichzeitig sollen bis 2030 weitere 15 Gigawatt steuerbare Kohlekraftwerke vom Netz gehen.
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Die im Artikel zitierten Experten warnen: Deutschland gehöre „strukturell zu den Ländern mit den höchsten modellierten Versorgungssicherheitsrisiken.
“Die 35 Gigawatt sind eine Leistungsgröße. Die zusätzlichen 200 bis 300 Terawattstunden beschreiben dagegen die jährlich benötigte Strommenge. Deutschland muss beides sicherstellen: genügend Energie über das Jahr und genügend verfügbare Leistung in jeder Stunde. Eine Jahresbilanz versorgt keine Fabrik während einer Dunkelflaute.
Noch mehr Solarmodule lösen die Versorgung einer windstillen Winternacht nicht. Batterien können Strom nur zeitlich begrenzt verschieben.
Auch industrielle „Flexibilität“ hat Grenzen. Sie kann bedeuten: Die Produktion steht, weil Strom fehlt oder zu teuer ist. Für manche Prozesse ist Lastverschiebung sinnvoll. Eine energieintensive Industrie lässt sich aber nicht beliebig nach dem Wetter betreiben. Produktionsverzicht ist keine zusätzliche Stromerzeugung.
Veronika Grimm schlägt laut WELT eine Absicherungspflicht vor: Versorger sollen ihre Lieferverpflichtungen langfristiger absichern, bei Verstößen drohen hohe Strafen. Die Idee verdient eine Prüfung. Wer Strom verkauft, muss Verantwortung für dessen Verfügbarkeit tragen.
Der Artikel zeigt zudem das Problem staatlich finanzierter Notfallreserven: Stehen Kraftwerke außerhalb des regulären Marktes, können sie dort weder laufend Erlöse erzielen noch durch ihre Teilnahme Preise senken. Entscheidend ist auch, wie neue Kapazitäten in den Markt eingebunden werden.
Aber auch das beste Marktdesign baut kein Kraftwerk über Nacht. Investoren brauchen verlässliche Regeln, tragfähige Erlöse und schnelle Genehmigungen.
Deutschland will Verkehr, Wärme und Industrie elektrifizieren und Rechenzentren ansiedeln. Dafür brauchen wir bezahlbare, möglichst fossilfreie Erzeugung und wetterunabhängige Leistung.
Naiv bedeutet, etwas zu gutgläubig oder unkritisch zu betrachten und dabei Risiken oder komplizierte Zusammenhänge zu unterschätzen. Beispiel: „Es wäre naiv zu glauben, dass sich dieses Problem von allein löst.“
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Screenshot: WELT