🇫🇷 WIE AUS EINEM SCHÜLERSTREIK EINE JUGENDREVOLTE WURDE
Es begann am Lycée Saint-Exupéry in Créteil: Lehrer streikten wegen fehlenden Personals und fehlender Mittel, Schüler schlossen sich an. Fehlende Lehrer, Klassen mit 30, 35 oder teilweise 40 Schülern, kaputte Gebäude, fehlende Schulkrankenschwestern, überladene Stundenpläne und die Angst, wegen Unterrichtsausfällen schlechter durchs Abitur zu kommen. Dazu Parcoursup – für viele Jugendliche inzwischen geradezu ein Symbol dafür, dass Herkunft und Wohnort über Zukunftschancen mitentscheiden.
Dann wurde aus dem Schulproblem etwas Größeres.
In Gesprächen mit Le Monde beschreiben Jugendliche inzwischen eine ganze Liste von Zukunftsängsten: Klimakatastrophen, eine KI, die ihnen später Arbeitsplätze nehmen könnte, soziale Ungleichheit – und ausdrücklich die Sorge, dass der Rassemblement National 2027 die Präsidentschaft gewinnen könnte. Andere fragen, warum Frankreich Milliarden zusätzlich für Verteidigung ausgibt, während ihnen Lehrer, funktionierende Toiletten oder vernünftige Unterrichtsräume fehlen.
Das Entscheidende ist dieses Gefühl: Wir sollen Leistung bringen, aber der Staat liefert die Voraussetzungen dafür nicht. Ein Schüler aus Seine-Saint-Denis berichtete etwa, monatelang keinen Französischlehrer gehabt und anschließend eine Prüfung über Stoff geschrieben zu haben, den seine Klasse nie behandelt hatte. Das ist keine abstrakte Ideologiedebatte mehr. Für diese Jugendlichen geht es unmittelbar um die Frage: Was wird eigentlich aus uns?
Über TikTok, Snapchat und Instagram verbreiteten sich die Blockaden anschließend wie ein Lauffeuer. Videos erreichten Millionenaufrufe. Gleichzeitig verbreiteten sich Bilder harter Polizeieinsätze; eine Untersuchung wegen eines aus nächster Nähe abgefeuerten Polizeigeschosses gegen einen Schüler wurde eingeleitet. Le Monde beschreibt ausdrücklich, dass solche Bilder die Wut weiter angeheizt haben. Palästina-, Klima- und andere politische Themen kamen hinzu. Aus einer lokalen Schulblockade wurde damit zunehmend ein Ventil für sehr unterschiedliche gesellschaftliche Frustrationen.
Und genau hier muss man sauber unterscheiden: Diese Ängste erklären Wut. Sie rechtfertigen keine Brandstiftung, Angriffe auf Lehrer, Passanten oder Polizisten. Inzwischen mischen sich unter friedliche Schüler auch vermummte und gewaltbereite Gruppen. Behörden berichten von Personen, die zwischen Schulen unterwegs seien und dort gezielt Auseinandersetzungen suchten. Die Regierung macht teilweise die extreme Linke verantwortlich; eine zentrale Steuerung der gesamten Bewegung durch
@FranceInsoumise ist bislang aber nicht belegt.
Das Ausmaß ist mittlerweile enorm: mehr als 5.000 Festnahmen, überwiegend Jugendliche, über 1.200 Schulen im Verlauf der Bewegung betroffen, hunderte Verletzte und mindestens 24 verwüstete oder angezündete Schulen. Am Montag sollen noch 400 bis 500 Lycées ganz oder teilweise geschlossen bleiben.
@EmmanuelMacron und die Regierung fahren deshalb mittlerweile zweigleisig:
@Interieur_Gouv verschärft den Polizeieinsatz, während
@education_gouv versucht zu verhandeln. Bildungsminister Édouard Geffray empfing Schülervertreter bereits am Freitag – die verließen das Gespräch allerdings enttäuscht, weil sie nach eigener Aussage keine konkreten Maßnahmen bekommen hätten. Für Dienstag ist deshalb die nächste landesweite Mobilisierung geplant, diesmal unterstützt von Gewerkschaften wie der CGT.
Vielleicht ist genau das die eigentliche Geschichte: Frankreich erlebt nicht einfach Jugendliche, die wegen „kaputter Schulen randalieren“. Da entlädt sich bei einem Teil einer Generation das Gefühl, dass Schule, sozialer Aufstieg, Klima, Arbeitsmarkt und Politik ihnen immer weniger Sicherheit für ihre Zukunft bieten.
Der Schülerstreik war der Zünder. Der Frust lag offenbar schon lange daneben.
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Quellen: Reuters, AP, Le Monde, The Guardian.