Er hat ernsthaft nach einer Antwort gebeten. Also versuche ich mich mal daran:
Vorab, ich gehe davon aus, dass die einzig sinnvolle Enerigewende für Deutschland und vergleichbare Breitengrade ein Art Messmerplan 2.0 wäre. 160+ GW AKW Leistung als langfristiges Ziel für DE. EE bieten zwar teilweise niedrigere Produktionskosten, diese Vorteile werden aber durch den deutlich erhöhten Netzbedarf, den enormen Speicherbedarf, den Überbau und die Reserveleistungsinfrastruktur sehr wahrscheinlich mehr als aufgefressen.
Ich gehe allerdings davon aus, dass PV im Großraum um den Äquator dominieren wird, weil man dort kein Winterproblem hat und gleichzeitig viel höhere Volllaststunden erzielt.
Ich gehe auch davon aus, dass Deutschland die EE-Wende überleben wird, aber (auch, neben der unsäglichen Bürokratie) dadurch wirtschaftlich in die Irrelevanz abrutscht. Nachfolger in unseren Breitengraden werden wir auch nicht sehen.
Wo sollen in Deutschland überall AKW hin?
Überall.
Mit Trockenkühlung ist man nicht mal an Gewässer gebunden. Es gäbe aber genug. Selbst die 6 größten Flüsse in Deutschland, die ins Meer abfließen, haben genug Kühlwasser zu größten Dürrezeiten (1.175 t/s kombiniert, normal sind ~5.700 t/s), dass sie in Kombination mit Nasszugkühltürmen ~1,5 TW Kernkraftwerksleistung kühlen könnten (danach wären die 1.175 t/s allerdings auch weggedampft). Dass wäre etwa das Zehnfache (!) dessen, was Deutschland bei einer Vollelektrifizierung im Sommer bräuchte. Es wäre natürlich selbstverständlich, dass einige Anlagen an Nord- und Ostsee gebaut werden (deshalb hat Brokdorf z.B. keinen Kühlturm und nie Kühlwasserprobleme), Trockenkühlung eingesetzt wird oder aber einfach Speicherteiche genutzt werden. Der Hambacher See, wie er vermutlich in Zukunft heißt, hätte theoretisch genug, um diese gesamte AKW Sommerleistung über ein Jahr zu kühlen. Deswegen bieten sich auch gerade ehemalige Braunkohlestandorte für neue AKW an.
Klar, die Anti-AKW-Propaganda, die seit Jahrzehnten aus allen Ecken in die Köpfe der Deutschen massiert wird, wird natürlich dazu führen, dass, bis auf die ehemaligen AKW Standorte, man Mehrheitsschwierigkeiten bekommen kann. Dazu bedarf es allerdings Aufklärung - die leider auch aus dem Pro-AKW-Lager nicht gut erfolgt.
Endlager
Haben wir. Beispielsweise in den Endlagern Herfa-Neurode oder Heilbronn. Hier liegen bereits einige Millionen t chemischer Müll, der nie zerfällt. Wenn wir ein technisches Endlagerproblem hätten, dann mit diesem Müll. Der ist aber genehmigt und wird aus Europa sogar importiert. Der nukleare Müll ist technisch kein Problem. Strahlungsabschirmung im Salz ist ein Klacks, die Wärmeentwicklung quasi irrelevant, der Müll verliert in geologisch überschaubaren Zeiträumen an Gefährlichkeit und hat eigentlich noch ~98% brauchbare Energie enthalten. Bis jetzt ist Uran allerdings noch zu billig, um auf Brüter zu wechseln (die Technologie ist quasi ausgereift).
Um es nochmal sehr deutlich zu sagen: Die Endlagerdebatte von radioaktivem Müll weltweit und insbesondere in Deutschland ist angesichts der Handhabung allen anderen Mülls eine absolute Farce und rein politisch.
Baudauer
Deutschland konnte mal Konvoi, also große 1,4 GW Anlagen, in 6 Jahren bauen (die Biblis Blöcke standen in 5 Jahren). Das geht mit Routine und Erfahrung auch wieder. Frankreich hat in den 1970er Jahren mal 7 GW Baustarts pro Jahr geschafft (kleiner 0,9 GW Anlagen). Den Rekord hat aktuell noch Japan (bitte korrigiert mich, wenn ich falsch liege), die haben noch in den 1990er Jahren 1 GW Blöcke teilweise in gut 4 Jahren gebaut. China nähert sich aktuell den 5 Jahren an.
Normale Leichtwasserreaktoren sind eigentlich kein Hexenwerk. Sie brauchen pro Energieeinheit deutlich weniger Material als vergleichbare EE-Systeme. Systemvergleiche deuten 2x weniger Beton, knapp 8x weniger Stahl, knapp 7x weniger Kupfer - ohne Berücksichtigung des massiv erhöhten Netzbedarfs der EE an.
Wenn man also nicht mit Bürokratie und Rumgeklage jedwede Produktivität in Deutschland auf das äußerste bekämpft, wäre der Bau von 160+ GW AKW, mit aktuell deutlich mehr Geld und technologischem Fortschritt, in den nächsten 20 bis 30 Jahren kein Problem. Wenn man sieht, wie dieser Schatten seiner Nachkriegsselbst aktuell Bahnhöfe und Brücken baut, mag man das nicht glauben, nur dass es nicht in Stein gemeißelt ist, zeigt die Historie.
Wie viel kostet der Spaß?
Deutschland hat inflationsbereinigt Konvoi mal für <5 €/W gebaut. Finanzmassaker wie Hinkley Point C liegen aktuell eher bei 18 €/W. Flamanville 3 war ~15 €/W. Auch das ist nicht in Stein gemeißelt, da in beiden Fällen schlechte Regulierung und fehlende Erfahrung für diese traurigen Ergebnisse verantwortlich sind. China schafft aktuell <3 €/W. Zum aktuellen Zeitpunkt wäre der Break-Even von EE-Wende vs. Kernwende in Deutschland bei 12,5 €/W erreicht. Da sind die Vorteile von KWK (auch für Hochtemperaturanwendungen) aber noch nicht enthalten. Ich befürchte aber auch, meine Schätzungen für den Netzüberbau für die EE sind noch zu optimistisch. Wenn die optimistischen Annahmen von Fraunhofer bzgl. der Wind-Volllaststunden aufgehen und noch Speichersysteme stark und EE noch etwas günstiger werden, sinkt der Break-Even auf ~8 €/W. Baut man also mit Routine und im Rahmen guter Regulierung, halte ich 5 €/W wieder für möglich. Eher noch weniger, wenn man es richtig macht. Damit wäre eine Kernwende DEUTLICH billiger als eine EE-Wende und könnte auch tatsächlich zu internationalem Vorbild werden.
Staatliche Absicherung
Aktuell wird die EE-Wende durch eine Reihe direkter und indirekter Maßnahmen stark staatlich gefördert. Dazu gehören garantierte Mindestpreise, Sozialisierung von Netzkosten, Förderung von Wasserstoffprojekten, Bevorteilung in der Bürokratie. In dieser Umgebung AKW nicht ähnliche Vorteile zuzugestehen, ist einfach nur unfair. Natürlich sollte man diesen ganzen Förderwust massivst kürzen und einen fairen Wettbewerb zulassen. Das fängt schon da an, AKW Betrieb und Bau in Deutschland wieder zu legalisieren.
Versicherung
AKW waren über eine Reihe sinnvoller Maßnahmen versichert. Diese kann man so wieder nutzen. Wenn man vernünftige Versicherungsmathematik einsetzt und nicht so eine Blödsinn wie den vom Leipziger Versicherungsforum, wären AKW weltweit, also inkl. Fukushima Daiichi und Tschernobyl, bei ~20 €/MWh Versicherungsprämie. Das ist allerdings ggü. den deutschen Konvoi und modernen Reaktoren, wie AP1000, dem EPR(2), BWRX-300, CANDU 6, APR1400, etc, unfair. Die sind um Größenordnungen sicherer als RBMK und Kraftwerke, die mit einem 150-Jahres-Flutschutz ausgestattet sind. Dementsprechend wäre die Versicherungsprämie auch vernachlässigbar klein.
Uranversorgung
Uran ist zunächst einmal nicht selten. Die mittlere Konzentration liegt in der Erde bei 2,7 g/t. Thorium liegt bei 9,6 g/t. Aktuell wird Uran 2,7x mehr gefördert als Silber, dabei ist Silber 36x seltener. Sämtliches Uran im erst km der Erde würde bei der aktuellen Verwendung knapp 14 Mio. Jahre reichen (Kupfer 1,2 Mio. Jahre, Gold 480.000 Jahre). Es ist natürlich absolut unrealistisch, dass man sämtliches Uran fördert. Das aber nur als Beispiel.
Da man Uran noch nicht nennenswert brütet, nutzt man nur ~1% der enthaltenen Energie. Realistisch, mit gut geschlossenem Kreislauf, also Wiederaubereitung und Brütern, sind ~50%.
Da man Uran auch aus Meerwasser gewinnen kann (aktuell zu teuer, mit Brütern aber absolut im Rahmen), kann man davon profitieren, dass sich aus den Erdbewegungen im Meer stetig Uran ins Wasser nachlöst, was Uran praktisch zu einer regenerativen Energiequelle macht. Thorium löst sich zwar nicht im Meerwasser, ist allerdings 3x häufiger als Uran und kann sowieso nur durch Brütung erschlossen werden. Das wurde früher mal hinreichend erforscht. Auf Basis dessen bauen die Chinesen gerade eine neue Entwicklung auf. In Europa gibt es 2 Startups, die sich auf Thorium konzentrieren.
Die aktuelle Förderung reicht nur noch ein paar Jahrzehnte, bedenkt man die bekannten Vorkommen. Aber hier darf man nicht demselben Fehler aufsitzen, wie der Club of Rome: Der ging in den 1970er Jahren davon aus, dass uns die fossilen in wenigen Jahrzehnten ausgehen. Seit dem hat die USA z.B. konstant immer noch nur für etwa 10 Jahre Erdöl - obwohl die Förderung stetig gewachsen ist. Wer suchet der findet. Und bei Uran haben wir noch gar nicht wirklich angefangen zu suchen.
Aktuell gibt es reichlich in den NATO-Ländern wie Kanada und Australien, wir haben in Europa allerdings auch welches, würden wir mal die Suche und Förderung erlauben. Uran kann man sich sehr leicht über Jahre auf Halde legen. Erpressung ist also quasi unmöglich.
Noch dominiert Russland mit ~50% die Anreicherung für Uran. Das ist aber anerkannte und bewährte Technik, die man leicht skalieren kann - wenn man es forciert. Was die USA aktuell tut. In Deutschland selbst reichern wir immer noch für etwa ~50 GW AKW Leistung an. Diese Kapazitäten könnten wir bei Bedarf ausbauen. Russland verdient damit allerdings auch kaum Geld. Das Geld macht es mit Öl und Gas.
Kurz, ein voll nukleares Deutschland wäre möglich, sinnvoll und bezahlbar. Hindern tun wir uns daran nur selbst mit Ideologie und Bürokratie.
Traurig, wenn Sie auf diese Fragen keine Antworten haben: Wo wollen Sie AKW bauen, wo Endlager? Wie lange dauert der Bau? Wie teuer? Mit Steuergeld absichern? Wer investiert ohne staatliche Garantie? Wer versichert gegen Risiken? Woher Uran, ohne Abhängigkeit und Erpressbarkeit?