Die Karte ist hübsch - nur die Schlussfolgerung „der Osten wird von Süddeutschland verarscht“ ist Quatsch.
Natürlich exportieren nord- und ostdeutsche Länder viel Strom. Dort stehen große Mengen Windkraft, weil dort Wind und verfügbare Flächen sind. Gleichzeitig sitzen große industrielle Verbraucher in Baden-Württemberg und Bayern. Genau deshalb investieren übrigens auch süddeutsche Unternehmen wie EnBW Milliarden in Windparks im Norden. Nicht aus Nächstenliebe, sondern weil Investoren mit ihren Anlagen irgendwann Geld verdienen wollen.
Strom kennt außerdem keine Landesgrenzen. Deutschland hat einen gemeinsamen Strommarkt und ein zusammenhängendes Netz. Ein „Export“ von Schleswig-Holstein nach Niedersachsen oder Sachsen-Anhalt nach Bayern ist kein Beleg dafür, dass irgendjemand irgendwen ausnimmt.
Noch absurder wird die Erzählung bei den Kosten: Regionen mit besonders viel erneuerbarer Erzeugung haben höhere Netzausbaukosten. Genau deshalb werden diese Kosten inzwischen bundesweit stärker verteilt. Der Windstrom aus dem Norden wird schließlich nicht nur für Norddeutsche produziert.
Das eigentliche Problem ist ein anderes: Wir wussten seit Ewigkeiten, dass große Mengen Windstrom vom Norden zu den Verbrauchszentren im Süden transportiert werden müssen. Trotzdem wurden die notwendigen Nord-Süd-Trassen jahrelang verschleppt, politisch bekämpft und verzögert - insbesondere auch in Süddeutschland. Das kann man kritisieren.
Und wer daraus unbedingt eine Ost-West-Abrechnung machen möchte, sollte konsequenterweise auch über Steuereinnahmen, Investitionen, Infrastrukturfinanzierung und den Länderfinanzausgleich sprechen. Deutschland funktioniert nun einmal nicht wie 16 voneinander unabhängige Volkswirtschaften.
Vor allem zeigt diese Karte lediglich einen jährlichen Stromsaldo in TWh. Sie zeigt nicht, wem die Kraftwerke gehören, wer sie finanziert hat, welchen Preis der Strom erzielt hat, wann Überschüsse oder Engpässe bestanden, welche Netzkosten entstanden sind oder wer letztlich dafür bezahlt hat.
Über unterschiedliche Strompreiszonen kann man durchaus diskutieren. Aber aus einer Import-/Exportkarte der Bundesländer abzuleiten, „der Osten wird vom Süden verarscht“, ist ökonomisch ungefähr so belastbar wie eine Wetterkarte.
Bei Halbwissen fehlt eben meistens die wichtige Hälfte.