Nur mal nebenbei: Die Software, um die es hier geht, ist bekannt und von der IDF mehr als einmal erläutert worden. Es handelt sich nicht um eine KI-unterstützte Zielerkennung, wie immer wieder behauptet wird. Das ist bereits Gegenstand so vieler Artikel und Meinungsäußerungen aus den letzten drei Jahren, dass man eigentlich jeden auffordern muss, einfach mal ein bisschen zu recherchieren. Die Software kalkuliert tatsächlich die vorhersehbaren zivilen Opfer eines militärischen Schlages. Wer davon keine Ahnung hat, outet sich am besten dadurch, dass er das bereits für sich genommen für zynisch hält und daraus die Botschaft ableitet, Israel habe absichtlich Zivilisten erschossen.
Diese Kalkulation ist vielmehr eine ausdrückliche Forderung des humanitären Völkerrechts (das viele gerne als „Kriegsvölkerrecht“ bezeichnen, was aber ein veralteter Ausdruck ist). Die Genfer Konventionen und ihr Zusatzprotokoll, vor allem Artikel 51 des ersten Zusatzprotokolls, verlangen von einem militärischen Akteur, dass er alle Maßnahmen trifft, um festzustellen, wie viele zivile Opfer ein militärischer Schlag voraussichtlich hat. Nur dann kann er nämlich den Anforderungen des humanitären Völkerrechts genügen, diese zivilen Opfer ins Verhältnis zum erwarteten militärischen Erfolg zu setzen.
Die Tötung von Zivilisten ist im Völkerrecht legal, auch wenn das vielen allzu bequemen Leuten im Westen nicht klar ist. Verlangt wird, dass man sich überhaupt ein Lagebild macht, ob und wie viele Zivilisten bei einem Militärschlag getötet werden. In der israelischen Armee wird ein Militärschlag von der Größenordnung etwa eines einzelnen Bombenabwurfs oder eines Artillerieangriffs auf ein Gebäude nicht beispielsweise vom Kompaniechef, also vom Vor-Ort-Kommandeur, abgesegnet, sondern auf deutlich höherer Ebene: in einem Einsatzzentrum, in dem auch ein Jurist sitzt, der — als einziger westlicher Armee, von der ich weiß — eine sogenannte „rote Karte“ hat, also den Einsatz abbrechen kann, wenn er juristische Bedenken hat.
Warum kann eine KI denn eigentlich die Zahl ziviler Opfer kalkulieren? Sie macht das genauso, wie Menschen das vor dem KI-Zeitalter gemacht haben — nur sind Menschen dabei viel, viel langsamer und weniger präzise. Im konkreten Fall — und das muss nicht für alle Kriege gelten, aber es gilt für Israel in Gaza — verfügt die Armee über einen enormen Datensatz an Zieldaten. Sie kann beispielsweise aufgrund von Logins der Mobiltelefone ungefähr feststellen, wie viele Zivilisten sich möglicherweise in der Gegend aufhalten. Man kann aus der Zahl der Mobiltelefone anhand bestimmter Werte eine Schätzung vornehmen, wie viele Zivilisten es insgesamt gibt, weil ja nicht jeder ein Mobiltelefon hat. Außerdem gibt es Bevölkerungsdaten: Man weiß beispielsweise, wie viele Leute ungefähr in welcher Dichte in einem Areal wohnen, ob die Gebäude Verwaltungsgebäude oder Wohngebäude sind und so weiter.
All das kann eine KI in Sekundenschnelle auswerten und dabei eine Wahrscheinlichkeit über die erwarteten Opferzahlen ausgeben. Die Entscheidung darüber, ob die von der KI im Übrigen auch im Einzelnen erläuterten Zahlen und das optische Lagebild vor Ort den geplanten Militärschlag rechtfertigen, trifft immer ein Mensch. Es ist also absolut lächerlich, so zu tun, als würden wir hier vom Film „Terminator“ von 1984 sprechen, in dem Skynet versucht, mit künstlicher Intelligenz Menschen umzubringen. In diesem Zusammenhang stellt der Film das Ganze aber dar.