Ich hatte vorhin geschrieben, dass ich das Gefühl habe, in meiner Bubble kippt etwas. Ein paar Posts von heute machen vielleicht deutlicher, was ich meine.
Da ist zunächst
@baha_jam. Er beschreibt, wie stolz er vor der Wahl auf die Union und Friedrich Merz war. Auf das Grundsatzprogramm, auf die "konservative Gelassenheit", mit der sich die Partei zurückgekämpft hatte. Die Scham von 2021 schien überwunden. Man wusste wieder, wofür man stand und was zu tun war. Umso härter fällt seine heutige Bilanz aus: ein radikaler Bruch mit den eigenen Positionen, fehlende politische Führung, verlorenes Vertrauen. Besonders bezeichnend finde ich diesen Satz: "Ein paar Wochen noch habe ich die Rechtfertigung gesucht, aber mehr aus Loyalität und weniger aus Überzeugung." Jetzt wartet er offenbar nur noch auf die nächste dumme Entscheidung der Unionsführung, die seinen Parteiaustritt auslöst.
Wer verstehen will, was da gerade passiert, sollte diesen Weg von der Begeisterung über die pflichtschuldige Verteidigung bis zur inneren Kündigung ernst nehmen. Gerade bei jemandem, der sich so ausdrücklich mit dieser Partei identifiziert hat.
Dann
@christianmiele. Er schreibt zwölf Herausforderungen auf: Energiepreise, Arbeitskosten, Bürokratie, Demografie, Migration, Verteidigung, Wachstum, Bildung, Infrastruktur, Wohnen, Digitalisierung und Staatsfinanzen. Über einzelne Diagnosen und Schlussfolgerungen kann man diskutieren. In der Gesamtschau beschreibt er aber einen gewaltigen Reformbedarf. Und damit steht die Frage im Raum, was diese Bundesregierung davon eigentlich grundlegend lösen will und kann. Dass Miele sich damit von der Union abwendet, lässt sich aus seinem Post allein zwar nicht ableiten. Aber er beschreibt den Problemdruck, an dem sich Regierungspolitik messen lassen muss.
@BewareMacduff wiederum schreibt auf, wie eine Christdemokratie im 21. Jahrhundert aussehen könnte: Familien stärken, Arbeit entlasten, Migration ordnen, Eigenverantwortung ermöglichen, den Sozialstaat reformieren, Eigentum erleichtern, bezahlbare Energie sichern, den Rechtsstaat durchsetzen. Man muss nicht jede einzelne Forderung teilen. Bemerkenswert ist schon, dass jemand aus dem Unionsumfeld diesen politischen Grundbestand überhaupt wieder zusammentragen muss. Sein Schluss ist entsprechend deutlich: Es brauche inhaltliche Klarheit, aktuell herrsche Beliebigkeit. Wenn Anhänger einer Partei erst einmal aufschreiben müssen, wofür diese Partei eigentlich stehen sollte, hat deren Führung ein erhebliches Problem - denn sie liefert die Antworten offensichtlich nicht.
Und dann der weitere Post von
@BerlinReporter zur Minderheitsregierung: Der trifft mE einen wichtigen Punkt: Wer davor warnt, ein solcher Schritt könne die Union spalten, muss sich auch mit der Entfremdung beschäftigen, die der gegenwärtige Kurs verursacht. Und warum gilt das Risiko eines Kurswechsels als entscheidendes Gegenargument, während die für die Union unbestritten katastrophalen Folgen (18%!) des bisherigen Kurses offenbar hinzunehmen sind?
Genau darin liegt für mich das Signal dieser Posts. Da wird an mehreren Stellen etwas Grundsätzliches infrage gestellt: die eigene Loyalität, die Handlungsfähigkeit der Regierung, die inhaltliche Orientierung der Union und schließlich die Behauptung, zum gegenwärtigen Kurs gebe es keine vernünftige Alternative.
Wenn bislang überzeugte Unterstützer anfangen zu erklären, warum sie ihre Partei kaum noch verteidigen können und was die Union überhaupt ausmachen sollte, dann ist da für mich ein Kipppunkt erreicht.