Der Tag wird zu Ende gehen. Morgen ist der 8. Oktober.
Nach dem 8. Oktober wird der 9., der 10. folgen. Menschen werden vergessen, verdrängen; die Bilder werden verblassen. Man muss weiterleben. Man muss. Und doch bleibt die Frage: Wie?
Ich weiß nicht, warum sich der dritte Jahrestag erdrückender anfühlt. Vielleicht, weil man vorher funktionieren musste.
2024 war ich am ersten Jahrestag in evakuierten Gebieten im Norden, an der Grenze zum Libanon, während die Sirenen schrillten und über uns Raketen der Hisbollah pfiffen. Keine Zeit nachzudenken. Nur das Jetzt. Nur überleben.
2025 war es der Kampf um jede Stunde, denn jede Stunde konnte in Geiselhaft ein Leben kosten. Keine Zeit, innezuhalten.
Aber jetzt. Heute. Dieser Raum, der plötzlich da ist, überfährt mich. Er würgt.
Und es ist nicht einmal nur das Grauen, das der Verstand gar nicht greifen kann, ohne zu brechen. Nicht nur das blutrünstige Morden. Nicht die Erinnerungen und Bilder, die sich ins Gedächtnis gekerbt haben. Es ist die Gleichgültigkeit der Mitmenschen auf der Straße. Es ist eine Berichterstattung, die es nicht schafft, den Toten und den Überlebenden auch nur an einem einzigen Tag die Würde zu geben, die sie verdienen. Einen einzigen Tag, an dem ihr Leid nicht für die eigene politische Agenda und moralische Selbstüberhöhung benutzt wird.
Ich kann seit drei Jahren nicht zur Ruhe finden. Und heute ganz besonders nicht. Weil es keine Ruhe gibt.
Ich denke an die Seelen, die auf dem Nova-Gelände so rücksichtslos, so sinnlos, so unvorbereitet aus ihren Körpern gerissen wurden. Als müssten sie noch immer dort umherwandern, verloren, unfähig zu begreifen, was geschehen ist. Ich denke an die Kinder, deren Kindheit so abrupt endete. An die Schreie. An das Feuer, das ganze Familien verbrannte. An die manischen, diabolischen „Allahu Akbar“-Rufe. An den Blick von Shiri Bibas, wie sie ihre Kinder fest an sich presst. Diese Angst. An dieses sinnlose Sterben von Menschen mitten im Leben. Schmerz, der in kein Wort passt.
Man wird weiterleben. Und auf die Frage „Wie?“ wird man jeden Tag aufs Neue eine Antwort finden.