Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas hat seit dem 23. September praktisch keine öffentlichen Termine mehr wahrgenommen. Am 5. Oktober teilte ihr Haus mit, sie sage diese Woche wegen eines Trauerfalls im engsten Familienkreis sämtliche Verpflichtungen ab. Zuvor waren bereits Termine „aus dringenden familiären Gründen“ entfallen, darunter die Pressekonferenz zum Aktionsplan gegen Sozialleistungsmissbrauch und die Feiern zum Tag der Deutschen Einheit. Das Beileid ist angebracht. Die Einordnung auch.
## Zwei Maßstäbe, ein Amt
Trauer ist kein Privileg. Der Tod eines nahen Menschen rechtfertigt Abstand, und niemand sollte ihn einer Ministerin missgönnen. Genau deshalb ist der Vergleich mit dem Alltag derer zulässig, für die Frau Bas formal zuständig ist.
Im öffentlichen Dienst gilt § 29 TVöD. Beim Tod der Ehegattin oder des Ehegatten, der Lebenspartnerin oder des Lebenspartners, eines Kindes oder eines Elternteils gibt es zwei Arbeitstage bezahlte Freistellung. Für Großeltern, Geschwister oder andere Angehörige besteht kein fester Anspruch, allenfalls ein Ermessen des Arbeitgebers, etwa zur Teilnahme an der Beerdigung. In der Privatwirtschaft greift § 616 BGB, soweit er nicht vertraglich ausgeschlossen ist. Üblich sind ein bis zwei Tage. Wer den Paragraphen abbedungen hat, nimmt Urlaub oder bleibt unbezahlt zu Hause. Sterbeurkunde, Schriftverkehr, Genehmigung: Der eine Tag wird nicht geschenkt, er wird erstritten, und nicht selten vom Erholungsurlaub abgezogen.
Wer einen Onkel beerdigt, der ihn dreißig Jahre wie einen Sohn aufgezogen hat, fällt aus diesem engsten Kreis heraus. Ein Tag, nach Vorlage der Urkunde, zulasten des eigenen Urlaubs. Wer die Großmutter der Ehefrau zu Grabe trägt, steht nicht besser da. Die Arbeitsministerin der Bundesrepublik dagegen ist seit mehr als zwei Wochen aus dem öffentlichen Dienstbetrieb verschwunden, ohne dass das Ministerium Verwandtschaftsgrad oder Beerdigungstermin nennt.
Minister sind keine Tarifbeschäftigten. Ihr Amt folgt nicht dem TVöD, und niemand verlangt, dass eine Verfassungsorganwalterin die Sterbeurkunde in der Personalstelle vorlegt. Gerade deshalb ist die Symbolik scharf. Das Haus, das Sonderurlaub, Lohnfortzahlung und die Grenzen der Freistellung für Millionen Beschäftigte mitverantwortet, praktiziert für seine Chefin einen Maßstab, den es der Pflegekraft, dem Lageristen und der Sachbearbeiterin nicht zubilligt.
## Das Amt läuft nicht mit
Die Abwesenheit fällt nicht in eine ruhige Woche. In der Koalition liegt der Streit über Tempo und Zuschnitt der Arbeitsmarktreformen offen, einschließlich der Neuordnung des früheren Bürgergelds. Der Koalitionsausschuss am Mittwoch dürfte ohne die SPD-Vorsitzende stattfinden. Vertreten wird sie von Staatssekretärin Leonie Gebers, politisch von Lars Klingbeil. Das ist organisierbar. Es ändert nichts daran, dass diejenige, die den Arbeitnehmern die Regeln erklärt, selbst außerhalb dieser Regeln operiert und dafür keine Rechenschaft in der Währung schuldet, in der andere bezahlen: in Urlaubstagen.
Man kann das menschlich finden. Man kann es auch als das benennen, was es im Vergleich ist. Die Trauer der Ministerin wird politisch und medial als selbstverständliche Auszeit behandelt. Die Trauer der Beschäftigten endet am nächsten Werktag, sofern der Arbeitgeber den Tag überhaupt als Arbeitsbefreiung und nicht als Urlaub bucht. Vor dem Gesetz sind nicht alle gleich, sobald das Gesetz von denen gemacht wird, die ihm nicht unterliegen.
Frau Bas gebührt Beileid. Den Beschäftigten, die für denselben Anlass einen Tag erstreiten und ihn anschließend selbst bezahlen, gebührt dieselbe Nachsicht.